Auf der Flucht vor Fledermäusen: Ally (Kiernan Shipka) und ihr Vater (Stanley Tucci) Foto: Constantin Film

Vorsicht beim Löcherbohren: Im Horrorfilm „The Silence“ wird eine mutierte Fledermausart auf die Menschen in der US-Provinz losgelassen. Ein taubes Mädchen (Kiernan Shipka) und sein Vater (Stanley Tucci) müssen überleben.

Stuttgart - Mit angehaltenem Atem fixiert der kleine Junge das hässliche, nackte Vieh, das vor ihm im Matsch hockt und genüsslich den Kopf der eben noch bedrohlichen Klapperschlange abreißt. Seine Beute scheint dem rabengroßen Monster nach kurzem Kauen nicht mehr zu schmecken. Mit belustigtem Ekel in seiner augenlosen Fratze spuckt es den Reptilienschädel beiseite.

Plastische Szenen wie diese aus John R. Leonettis Horrorabenteuer „The Silence“ gefallen nicht jedem. Trotzdem ist die Faszination für das Genre mit seinen diversen Spielarten seit Dekaden ungebrochen. Auch „The Silence“ pflegt diese Nische. Der im Horrorkino bewanderte Regisseur und Kameramann John R. Leonetti („Annabelle“) erzählt eine sehr vertraute Geschichte. Im Zeitalter von computergenerierten Spezialeffekten hat sich zwar der Look solcher Filme verändert, die Grundmuster der Erzählungen allerdings sind geblieben.

Allerdings zitiert „The Silence“ munter und angenehm dünkelfrei sowohl die B-Filme der Autokinowelt wie Meisterwerke der Gruselkunst. Ein paar Höhlenforscher setzen bei Grabungen ein Volk von mutierten, blinden Fledermäusen frei, Vesps genant, das sich beim geringsten Mucks zielsicher auf Menschen und Tiere stürzt, um sie zu fressen.

Neue Bedingungen

Im ländlichen New Jersey ahnt man derweil noch nichts von der nahenden Katastrophe. Teenagerin Ally (Kiernan Shipka) steht kurz vorm Schulabschluss und ist in ihren Klassenkameraden Rob (Dempsey Bryk) verknallt. Neben ihrem Bruder Jude (Kyle Harrison Breitkopf) nervt sie besonders die Überfürsorge ihrer Eltern Hugh (Stanley Tucci) und Kelly (Miranda Otto), die ihre im Alter von 13 Jahren ertaubte Tochter nicht in die Welt ziehen lassen wollen. Dabei hat Ally längst bewiesen, dass sie sich an neue Bedingungen anpassen kann.

Beim Anblick der massenhaft auf Stromleitungen kauernden Vesps kommen Erinnerungen an Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ (1963) auf. Das Äußere der Vesps wirkt wie eine Kreuzung aus Gremlins, den Plagegeistern aus der gleichnamigen Gruselkomödie von 1984, und H. R. Gigers Entwürfen für Ridley Scotts „Alien“ von 1979.

Viel deutlicher spielt „The Silence“ jedoch auf ein Werk aus der Streamingwelt an. Susanne Susanne Biers 2018 exklusiv beim Streamingdienst Netflix erschienener Thriller „Bird Box“ schildert ganz ähnlich den Überlebenskampf in einer Endzeit, in der sich Menschen aus Angst vor dem tödlichen Anblick einer ominösen Macht blind durch die Welt tasten.

Gefährliche Christenmenschen

Das Ende der Welt ist auch in „The Silence“ allgegenwärtig, und der wahre Horror hat die Gestalt eines aufdringlichen Reverends (Billy MacLellan). Im Gegensatz zu den mutierten Tieren entspringt die Figur des rabiaten Gottesdieners unserer Realität. Im Film entpuppt sich die Gemeinschaft dann auch als die gefährlichere Bedrohung. Die Vesps hält sich Allys Vater bald vom Hals, indem er einen laut lärmenden Häcksler anwirft, in den sich die Dinger mit Freude stürzen – vielleicht die komischste Szene des Films. Wenn eine kindliche Selbstmordattentäterin in das Refugium der Familie eindringt, wird es dagegen ernsthaft ungemütlich.

Trotz mancher wuchtiger Szenen läuft „The Silence“ nicht durchweg rund. Spaß aber macht der Film allemal, was nicht nur den zahlreichen Verweisen, sondern dem starken Ensemble zu verdanken ist. Mit Miranda Otto und Kiernan Shipka agiert ein schon in der Netflix-Serie „The chilling Adventures of Sabrina“ bewährtes Duo. Stanley Tucci verleiht dem simpel gestrickten Charakter des liebenden Familienvaters Charme und Kontur. Die wahre Stärke von „The Silence“ ist aber, dass er nicht bloß kurzweilig unterhält, sondern Lust macht, die Klassiker des Genres neu zu entdecken.

The Silence. USA 2019. Regie: John R. Leonetti. Mit Kiernan Shipka, Stanley Tucci, Miranda Otto. 91 Minuten. Ab 16 Jahren.

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