Bill Murray (re.) und Adam Driver müssen als Polizisten die konservative US-Provinz vor den wiederkehrenden Toten schützen. Foto: Universal

Der eigenwillige amerikanische Regisseur Jim Jarmusch hat einen Zombie-Film gedreht – einen voller Zitate aus seinem Werk. Auch der von Jarmusch sehr geschätzte Bill Murray spielt wieder mit.

Stuttgart - Irgendetwas stimmt nicht mit der Welt. Die Nacht lässt lange auf sich warten, der Mond strahlt seltsam purpurfarben. Eine kaum merkliche Nervosität erfasst die Menschen in der US-amerikanischen Kleinstadt Centerville. Es heißt, aggressives Fracking am Nord- und Südpol habe die Erdkugel aus ihrer Achse verschoben. Was Folgen hat in Jim Jarmuschs „The Dead don’t die“: In einer lauen Sommernacht stehen die Toten wieder auf und treiben ihr blutiges Unwesen.

Horden Untoter

Seit den 1930er Jahren sind die Zombies aktiv in der Popkultur. Einen historischen Meilenstein für das Genre setzte dann der Filmemacher George A. Romero mit seinem sozialkritischen Zombiehorror „Die Nacht der lebenden Toten“ im Jahr 1968. Seither schleppen sich Horden Untoter durch mal ernste, mal grell-lustige Szenerien des Untergangs.

Filme wie „Shawn of the Dead“, „World War Z“, „Warm Bodies“, aber auch die Serie „The walking Dead“ haben in den letzten Jahren mit ihrem morbiden Charme das Publikum wohlig gegruselt. Die Plotlinien sind stets einfach gehalten und im Kern nur wenig variiert. Durch fehlgeschlagene Experimente oder Katastrophen wie Reaktorunfälle verwandeln sich Lebende in wandelnde Kadaver, hungrig nach Revanche, Gehirnhappen und Menschenfleisch. Nur ein gezielter Schuss oder Axthieb in den Schädel kann sie stoppen, was in vielen Filmen in fröhlich-unappetitliche Hirnmasse- und Blutspritzorgien mündete.

Inspiriert von der Politik

Politische Subtexte wie bei Romero gerieten da bald in den Hintergrund. Die Frage ist also, ob ein eher feinsinniger Autorenfilmer wie Jim Jarmusch dem inzwischen abgenutzten Genre noch etwas hinzuzufügen weiß. Dass zumindest die aktuell hirnlos wirkende Politik in den USA Künstlern wie Jarmusch durchaus Inspirationen liefert, steht außer Frage. Fans des Querkopfs werden jedoch schon allein an der Besetzung des Films Freude haben.

In einer der ersten Szenen stapft Jarmuschs Stammschauspieler Bill Murray als Good Cop Cliff Robertson an der Seite seines jungen Kollegen Ronald Peterson (Adam Driver) durchs Unterholz eines Wäldchens. Der örtliche Obdachlose Hermit Bob (extrem bärtig: Tom Waits) soll dem erzkonservativen Farmer Miller (Steve Buscemi) ein Huhn stibitzt haben. Nach dem Austausch freundlicher Ermahnungen einerseits und in die Luft gefeuerter Gewehrschüsse andererseits trollen sich Robertson und Peterson zurück in den Diner, wo Miller Rapport erwartet.

Hässliches Amerika

Abgesehen von seiner Wut auf Hermit Bob ist Miller auch sonst kein netter Geselle. Ungeniert trägt er eine radikale Variante der Trump-Mütze zur Schau, „Make America white again“ prangt darauf. Millers afroamerikanischer Tischnachbar Hank Thompson (Danny Glover) nimmt es gelassen und lässt sich nicht einmal von Millers Gefasel beeindrucken, er hasse schwarzen Kaffee.

Auch ohne Zombies ist Jarmuschs auf den ersten Blick proper-putziges Amerika ziemlich hässlich. So adrett die Fassade des nostalgischen Diners, so fies der Unterton der Gespräche, so überdeutlich die Ressentiments gegenüber Außenseitern und Nicht-Weißen. In der Dorftankstelle hat Bobby Wiggins (Caleb Landry Jones) immerhin ein Refugium der Gegenkultur eingerichtet, verkauft Comics und Pop-Devotionalien an Kinder und Reisende.

Heitere Leichenfledderei

Angenehm spleenig sind auch die wichtigen Frauenpersönlichkeiten im Ort. Minerva Morrison (Chloë Sevigny) komplettiert den Polizeiposten, und das Bestattungsinstitut führt seit kurzem die aus Schottland emigrierte, in ihrer Freizeit Samuraischwerter schwingende Visagistin Zelda (Tilda Swinton).

Statt auf Handlung setzt Jarmusch auf verschrobene Typen und kuriose Situationen. „The Dead don’t die“ ist dann auch viel weniger ein eigenständiger Beitrag zum Zombiefilm als vielmehr eine heitere Leichenfledderei von Jarmuschs bisherigem Oeuvre. Hier feiern dessen Lieblingsthemen, -motive und -charaktere Auferstehung und werden in einem wilden Mix neu kombiniert.

Füllhorn der Zitate

Das macht besonders Kennern des Jarmusch-Universums Spaß, etwa wenn die Punk-Rock-Ikone Iggy Pop als erster Zombie sein Grab verlassen darf und bloß nach „Cooo-ffffeee“ lechzt – eine Anspielung auf dessen Rolle in Jarmuschs „Coffee and Cigarettes“ (2003), aber auch ein böser Scherz im Hinblick auf Iggy Pops exzessiven Drogenkonsum vergangener Zeiten. Die politische Subversion wird auch hier zum Hintergrundrauschen.

Schade ist außerdem, dass Jarmusch schöne Nebenstränge wie die Episode um ein paar einsame Teenager in einer Besserungsanstalt irgendwann vergisst. So ist „The Dead don´t die“ vor allem ein Füllhorn der Zitate und Ideen, aus denen sich vielleicht mehrere Filme hätten speisen lassen. Doch auch wenn diese sehr selbstbezogene Interpretation der Zombiethematik viele Liebhaber spritziger Horrorunterhaltung enttäuschen könnte, totzukriegen ist das alte Genre offenbar noch lange nicht.

The Dead don’t die. USA 2019. Regie: Jim Jarmusch. Mit Bill Murray, Chloë Sevigny, Danny Glover, Tilda Swinton. 103 Minuten. Ab 16 Jahren.

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