Kinokritik zu Papillon Insel der Sträflinge

Von Kathrin Horster 

Zwei ungleiche Männer finden sich in der Hölle wieder, in einem Straflager in Französisch-Guayana. Sie kämpfen täglich ums Überleben und planen ihre Flucht: Remake des Klassikers „Papillon“, in dem einst Steve McQueen und Dustin Hoffman auftrumpften.

Stuttgart - Gerade noch hat der Panzerknacker Henri Charrière mit seiner Freundin eine wilde Nacht im Amüsierviertel von Paris verbracht, da findet er sich unversehens hinter Gittern wieder. Man schreibt das Jahr 1931, eine Zeit, in der die französische Strafjustiz nicht zimperlich mit Männern umgeht, die man eines Kapitalverbrechens beschuldigt. Henri (Charlie Hunnam), der auf den Pariser Straßen unterm Spitznamen Papillon firmiert, trägt zwar keine blütenweiße Weste. Den Mord an einem Zuhälter bestreitet er aber vehement. Trotzdem wird er mit anderen schweren Jungs in die Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guayana deportiert.

Die Geschichte des Henri Charrière beruht auf Tatsachen. Zu Beginn der Siebziger veröffentlichte der Ex-Kriminelle seinen autobiografischen Roman „Papillon“, zu deutsch „Schmetterling“. Charrière hatte etwa elf Jahre in französischen Straflagern verbracht und mehrere Ausbruchsversuche verübt, ehe er sich nach Venezuela absetzen konnte.

Eine Lanze für die Verstoßenen

Dass viele der Grausamkeiten, die er in seinem Buch beschrieb, angeblich nicht Charrière selbst, sondern Mithäftlingen widerfahren waren, wurde bei Erscheinen des Buches heftig diskutiert. Dennoch genießt die glaubhafte Schilderung unmenschlicher Haftmethoden bis heute Ansehen, weil der Autor damit eine Lanze für die vom Vaterland Verstoßenen brach. Schon kurz nach Charrières Tod wurde der Stoff verfilmt. Franklin J. Schaffners Adaption von 1973 mit Steve McQueen und Dustin Hoffman in den Hauptrollen war dichtes Spannungskino mit humanistischer Botschaft und besitzt wie die literarische Vorlage Klassikerstatus.

Nun hat der dänische Filmemacher Michael Noer eine eigene Lesart dieser aufrüttelnden Lebensgeschichte entwickelt und will sie einem Publikum erschließen, dem die Namen McQueen und Hoffman vielleicht shcon nicht mehr geläufig sind. Abgesehen von einigen Straffungen bleibt Noer dicht am Vorbild, setzt aber eigene Schwerpunkte.

Der Kernige und der Zarte

Vor der Überfahrt in die Strafkolonie lernt Charrière in der Haft den Fälscher Louis Dega (Rami Malek) kennen. Dega ist gewitzt, ein bisschen arrogant, aufgrund seiner zarten Physis jedoch nicht gewappnet für den Kampf gegen rohe Mithäftlinge. Die wollen ihn um sein Vermögen bringen wollen, das er in einer Metallkapsel im After versteckt. Henri sichert Dega Schutz zu, im Gegenzug will Dega ihm die Flucht finanzieren. Aus der Zweckgemeinschaft erwächst bald eine tiefe Freundschaft.

Mit Charlie Hunnam und Rami Malek sind die Figuren des Henri Charrière und Louis Dega treffend besetzt. Hunnam („Sons of Anarchy“), der bereits im vergangenen Jahr im historischen Abenteuerfilm „Die versunkene Stadt Z“ überzeugte, verleiht seinem Papillon nicht nur eine stattlich-kernige, später beängstigend ausgezehrte Körperlichkeit, sondern auch einen loyalen, widerstandsfähigen Charakter. Auch Malek findet einen eigenen Zugang zur Figur. Er stattet sie mit knitzem Charme aus, entwickelt jedoch glaubhaft den verzweifelten Frust über die immensen Kränkungen und Diskriminierungen, denen Louis aufgrund seiner Zartheit ausgeliefert ist.

Parallelen zu unseren Tagen

Die harschen Bedingungen, unter denen die Männer leben, stellt Noer drastisch dar; die harten Arbeitseinsätze mit Erschöpfungstoten, den knietiefen Matsch, die ranzigen Barracken, in denen die Insassen angekettet auf nacktem Boden schlafen. Mühelos lässt sich eine Brücke schlagen von diesem historischen Straflager zu den menschenverachtenden Praktiken in US-Gefängnissen und privatwirtschaftlichen Bootcamps. Man kann „Papillon“ als düsteren, dabei ausnehmend schön fotografierten Abenteuerfilm sehen. Man kann darin aber auch ein universell gültiges Bekenntnis zur Solidarität und Mitmenschlichkeit in bösen Zeiten erkennen; eine Mahnung, in der Gegenwart alte Fehler nicht zu wiederholen.

Papillon. USA 2017. Regie: Michael Noer. Mit Charlie Hunnam, Rami Malek, Eve Hewson, Roland Møller. 117 Minuten. Ab 12 Jahren.

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