Kinokritik zu Nico, 1988 Keine zickige Diva

Von Kathrin Horster 

In den 60ern war Nico ein Star, auch dank Andy Warhol, in den 80ern dann schon fast vergessen. Susanna Nicchiarellis interessantes Biopic „Nico, 1988“ schildert den zähen Kampf der Musikerin um späte Anerkennung.

Stuttgart - Genervt hockt Christa, die alle hartnäckig Nico nennen, in einem Radiostudio und nuckelt an ihrer Kippe. Sie soll über ihre glanzvolle Zeit bei der Kult-Rockband The Velvet Underground sprechen, auf deren Debütalbum sie bloß drei Songs singen und das Tamburin schlagen durfte. Das war 1967, verschafft hatte ihr den Job Andy Warhol, begeistert von Christas herber Schönheit und ihrem teutonisch grollendem R.

Doch das ist lange her. In den Achtzigern, so erzählt es die italienische Filmemacherin Susanna Nicchiarelli im starken Biopic „Nico, 1988“, ist das einstige Supermodel und Idol einer düster-glamourösen Subkultur zur abgehalfterten Matrone mutiert. Nur ein paar versprengte Fans begeistern sich für sperrig experimentelle Solo-Alben wie „The Marble Index“, trotzdem tourt Christa (hervorragend: Trine Dyrholm) verbissen durch Europa, macht Station in Paris, Nürnberg, Manchester und sogar im kommunistischen Prag.

Mama, Sohn und Heroin

Ihr ständiger Begleiter ist die Heroinsucht, sehr zur Sorge von Manager Richard (John Gordon Sinclair), der heimlich in seine Mandantin verknallt ist. Christa hat jedoch nur Augen für Sohn Ari (Sandor Funtek), den sie als Kind vernachlässigte und in die Obhut der Großmutter gab. Nun will sie dem depressiven, selbst schwer drogenabhängigen Jungen Starthilfe als Künstler geben.

„Nico, 1988“ funktioniert nicht nach dem üblichen Schema einer Musikerbiografie. Statt sich an überprüfbaren Eckdaten von Aufstieg, Erfolg und Absturz entlang zu hangeln, entwickelt Nicchiarelli das differenzierte Altersporträt einer Frau, die sich mit aller Macht gegen ein teils selbstgewähltes, teils aufgezwungenes Image zu stemmen versucht. Die Künstlerin wird weder zur tragischen Ikone noch zur zickigen Diva stilisiert, sondern erscheint als kantiger, interessanter Mensch, der sich nur von einem jähen Tod besiegen lässt.

Nico, 1988. Italien, Belgien 2017. Regie: Susanna Nicchiarelli. Mit Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca. 94 Minuten. Ab 12 Jahren.

Lesen Sie jetzt