Teo Yoo (li.) und Filipp Avdeyev spielen Untergrundmusiker, die der Staatsgewalt der alten Sowjetunion schwer missfallen. Foto: Weltkino

In der harten Realität muss sich der russische Regisseur Kirill Serebrennikow gerade vor Gericht verantworten. Sein neuer Kinofilm „Leto“ handelt vom Widerstand der Subkultur gegen die Staatsgewalt noch zu Sowjetzeiten.

Stuttgart - Eine S-Bahn rattert durchs Leningrad der achtziger Jahre. Alles ist grau, die Häuser, die Leute, die Stimmung. Dass ein paar scherzende junge Männer die Einöde aufmischen, missfällt einem Passagier. „Du bist eine Schande für dein Land“, bellt er einen aus der Gruppe an und zerrt den Schaffner herbei, der den Punker mit gezieltem Fausthieb zu Boden streckt.

Doch dann geschieht etwas Merkwürdiges: Grinsend wischt sich der Junge das Blut vom Mund, aus dem Nichts schallt die Melodie von „Psycho Killer“, jener knalligen New-Wave-Hymne der Talking Heads, und alle im Abteil singen, grölen, jauchzen mit: „Run run run away!“ Animierte Kritzeleien, das Anarcho-A und Textfetzen fliegen durch die Luft, ein wunderbares Chaos deckt den Hass der grauen Leute zu. Bis mit einem Schlag der Song verstummt. Ein Mann hält eine Schrifttafel hoch; „All das ist nie passiert“ steht darauf, der Punker wird blutend von Uniformierten aus dem Abteil geschleift.

Eine russische Rockszene

Offener Widerspruch, daran erinnert diese starke Szene aus Kirill Serebrennikows Musikdrama „Leto“, war in der kommunistischen Sowjetunion gefährlich. Daran hat sich in Präsident Putins Russland kaum etwas geändert. Serebrennikow muss sich aktuell in seiner Heimat vor Gericht verantworten. Der Vorwurf, er habe 68 Millionen Rubel staatlicher Kunstförderung veruntreut, wird von Putin-Kritikern als Versuch gewertet, den liberalen Regisseur mundtot zu machen. Als Serebrennikow Ende August 2017 festgenommen wurde, arbeitete er gerade an „Leto“, der die Geburt einer eigenständigen russischen Rockmusik-Szene in den frühen Achtzigern nachvollzieht.

In grobkörnigem Schwarz-Weiß entwirft „Leto“ (deutsch: Sommer) den Alltag junger Bohemians am Vorabend von Gorbatschows Glasnost und Perestroika. Der arrivierte Musiker Mike Naumenko (Roman Bilyk) nimmt den Newcomer Victor Zoi (Teo Yoo) unter seine Fittiche. Als Inspirationsquelle dient ihnen westlicher Rock ’n’ Roll. Begeistert zitiert Serebrennikow Stücke von T. Rex, David Bowie, Lou Reed oder The Velvet Underground, nach deren Vorbild Zois Band Kino und Naumenkos Zoo Park in schnodderig schöner Poesie vom Underdog-Dasein sangen.

Ungeheurer Furor

„Leto“ funktioniert zwar nach den Regeln der meisten Musik-Biopics. Doch mehr als bloß um die Genese einer Pop-Gruppe geht es um Liebe, Freundschaft und die Freiheit, die Victor, Mike und dessen Frau Natascha (Irina Starshenbaum) in der Musik entdecken. In dieser ausnehmend schön fotografierten, sanften Hommage an den Rock ’n’ Roll steckt ein ungeheurer Furor, die Mahnung, sich nicht unterkriegen zu lassen. An dieser Botschaft muss sich Kirill Serebrennikow nun selbst festhalten.

Leto. Russland, Frankreich 2017. Regie: Kirill Serebrennikow. Mit Teo Yoo, Irina Starshenbaum, Roman Bilyk. 126 Minuten. Ab 12 Jahren.

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