Kinokritik zu „Gundermann“ Ein nachdenklicher Verräter

Von Brigitte Jähnigen 

Gerhard Gundermann war Liedermacher in der DDR, im Hauptberuf Baggerfahrer. Nebenbei war der nette Mann Stasi-Spitzel. Der Regisseur Andreas Dresen erzählt in „Gundermann“ eine wahre Geschichte voller Rätsel und Erkenntnisse.

Hoyerswerda - Im Jahr 1995 wird bekannt, dass der Baggerfahrer und Liedermacher Gerhard Gundermann als IM Grigori ab 1976 für die Staatssicherheit der DDR tätig war. In einem quälenden Gesprächsprozess bekennt sich der eher Scheue gegenüber seinen Freunden aus der Künstlerszene. Verzeihung sucht er nicht, denn verzeihen kann er sich auch selbst nicht.

Mit welch feiner Differenziertheit Andreas Dresen sich in seinem neuen Spielfilm dem Themenkomplex Schuld und Verrat stellt, erinnert an die Gründlichkeit in seinen Filmen „Wolke 7“ oder „Halt auf freier Strecke“. Zu sehen ist nicht nur das Porträt eines Idealisten, der zu ambivalent war, dem Akt der Unterwerfung unter die DDR-Diktatur zu widerstehen. Zu sehen ist auch ein Stück Zeitgeschichte des niederlausitzer Braunkohlenabbaus, wo ganze Ortschaften noch menschenleer geräumt wurden, als unter den Häusern die Kohle schon von sehr minderer Qualität war.

Nicht gerade linientreu

Gerhard „Gundi“ Gundermann, geboren 1955 in Weimar, kam mit seinen Eltern nach Hoyerswerda, dem Zentrum des Kohlereviers, und fühlte sich – nach abgebrochenem Studium an der Offiziersschule Löbau – aufgehoben in seinem Spagat als Maschinist und Mitglied der DDR-eigenen Singebewegung. Schauspieler Alexander Scheer, mit strähnigem Haar, 80er-Jahre -DDR-Brillengestell und Karohemd, porträtiert Gundi als einen stillen Antihelden, als eher unsicher wirkenden Querdenker, dessen seltene Wortbeiträge im sozialistischen Kollektiv nicht gerade linientreu ausfallen. Er wolle, begründet er schon seinen Antrag auf Aufnahme in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED), die Gesellschaft verbessern. Und verrät später all jene, die er mag.

Nach vielen Konzertszenen und nach Gundermanns jahrelangem Ringen um die Frau eines anderen, die er liebt, und nach seinem kritischen Auftritt gegenüber einer Regierungsdelegation wird es auf sehr subtile Art ungemütlich in Andreas Dresens Film. „Verrat ist Verrat, man kann auch Kommunist sein, ohne ein Schwein zu sein“, kommentiert ein Mitglied der Gauck-Behörde Gundis naive Erklärungsversuche zu seiner IM-Tätigkeit. Verrat ist für den, an dem er verübt wird, eine schwere narzisstische Kränkung, wird hier deutlich. Und noch eine weitere nachdenkenswerte Erkenntnis kann einem in Dresens Film kommen: Nicht nur Diktaturen produzieren Verräter.

Gundermann. Deutschland 2018. Regie: Andreas Dresen. Mit Alexander Scheer, Anna Unterberger, Eva Weißenborn, Axel Prahl. 128 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.

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