Geschlagen retten sich britische Soldaten bei Dünkirchen auf ein Boot zur Überfahrt über den Ärmelkanal. Trotzdem werden sie am Ende Hitler besiegen. Foto: Warner Bros.

Auch unser Kritiker stimmt in den internationalen Lobchor ein: Mit dem Kinoneustart „Dunkirk“ liefert Christopher Nolan einen Kriegsfilm, wie es zuvor noch keinen gab. Er erzählt von der Rettung einer ganzen englischen Armee im Mai 1940.

Stuttgart - Als Christopher Nolan vor einigen Jahren sein neues Projekt „Dunkirk“ ankündigte, war die Verwunderung groß. Der britische Regisseur hat mit seiner „Batman“-Trilogie ab 2005 auf dem Gebiet der Comic-Verfilmungen neue - und seitdem unerreichte – Maßstäbe gesetzt, erkundete in „Inception“ (2010) die menschliche Psyche von der Hirninnenseite und drang in „Interstellar“ (2014) durch Wurmlöcher hindurch in neue Raum- und Zeitdimensionen vor. All diesen Werken ist gemeinsam, dass sie die Grenzen der Realität nicht akzeptierten und ins Fantastische hinein erweiterten. Und nun Dünkirchen als Nolan-Thema?

Die französische Hafenstadt war im Mai 1940 der Schauplatz einer gigantischen Truppenevakuierung. Für 400 000 britische Soldaten auf dem Rückzug vor der deutschen Wehrmacht war der Strand von Dünkirchen der letzte Fluchtpunkt, von dem aus sie die nur 26 Meilen entfernte englische Küste sehen konnten. Während der siebentägigen Evakuierung konnten 338 226 Männer die Heimathäfen erreichen. Das Besondere an der Aktion: Neben der Kriegsmarine machten sich siebenhundert private Yachten, Fischerboote, Ausflugsdampfer auf die gefährliche Reise über den Kanal, um die Soldaten des britischen Expeditionskorps vom Kontinent zu retten. Dadurch wurde der Moment größter militärischer Erniedrigung gleichzeitig zum Symbol nationalen Zusammenhalts.

Zzu Lande, zu Wasser, in der Luft

In der britischen Geschichtsschreibung ist Dünkirchen auch heute noch Trauma und Mythos in einem - und bildet damit das optimale Terrain für klassische Kriegsmelodramen. Aber Christopher Nolan begegnet dem monumentalen historischen Ereignis konsequent auf Augenhöhe. Abgesehen von ein paar wortkargen Schrifteinblendungen zu Beginn verlässt „Dunkirk“ nie die Perspektive der direkt Beteiligten auf alliierter Seite. Keine sehnsuchtsvollen Blicke in die Heimat auf sich grämende Mütter. Keine Schnitte in die Downing Street 10, wo sich Winston Churchill über den Kartentisch beugt. Und kein einziges Bild vom Feind, der nie beim Namen genannt und nur durch Maschinengewehrsalven und Sturzkampfbomber-Einsätze sichtbar wird.

Aus drei Perspektiven – zu Lande, zu Wasser, in der Luft – nähert sich der Film den Ereignissen an. Die erste Erzählebene zeigt die Reise des einfachen Soldaten Tommy (Fionn Whitehead), der es als einziger seiner versprengten Einheit lebend nach Dünkirchen schafft und dort versucht, an den langen Schlangen der Wartenden vorbei eine rettende Überfahrt zu bekommen. Ein zweiter Strang erzählt von dem Freizeitkapitän Mr. Dawson (Mark Rylance), der begleitet von seinem Sohn und dessen Freund mit seinem Boot die Fahrt nach Frankreich antritt. Und schließlich ist da noch der Pilot Farrier (Tom Hardy), der in seiner „Spitfire“ versucht, die Rettungsschiffe vor den Angriffen deutscher Bomber zu schützen.

Aus der Mitte des Krieges heraus

Nicht nur die Perspektiven unterscheiden sich, sondern auch die Zeitfenster. Der Soldat versucht eine Woche lang, über den Kanal zu kommen. Das Boot braucht einen Tag nach Dünkirchen und zurück. Das Flugbenzin des Piloten ist nach einer Stunde verbraucht. Trotzdem werden die Zeit- und Erzählebenen mit einem hoch dynamischen Schnittrhythmus dicht nebeneinander gelegt und ineinander verschränkt.

Sehen Sie hier den Trailer zum Film:

Gewöhnungsbedürftig am Anfang, aber unterstützt von einem stetig schwelenden Musik-Score von Hans Zimmer und einem Sound-Design, in dem die ballistische Geräuschkulisse omnipräsent ist, ist Nolan ein konzeptionelles Meisterwerk gelungen, das mit sparsamsten Dialogen und visueller Brillanz konsequent aus der Mitte des Krieges heraus erzählt ist.

Am Ende des Benzins

Krieg bedeutet in allererster Linie Angst. Diese Angst verlässt nie das Gesicht des jungen Soldaten und ist auch für das Publikum in jeder Filmsekunde spürbar. Angst verändert Menschen und fördert ihre blanken Überlebensinstinkte zu Tage. Deren Überwindung kann in die Gleichgültigkeit führen, wie bei dem Soldaten, der sich in die Fluten stürzt, um den sicheren Tod vor Augen Richtung England zu schwimmen. Oder aber in ein selbstloses Handeln wie das des Piloten, der weiterfliegt, auch wenn das Benzin nicht mehr für den Flug zurück zur Heimatbasis reichen wird.

„Dunkirk“ ist kein Antikriegsfilm, der es nötig hätte, pazifische Botschaften zu verkünden, die aus der historischen Distanz ohnehin jeder unterschreibt. Vielmehr zeigt dieses schnörkellose Meisterwerk mit hochemotionaler Subjektivität und analytischer Nüchternheit, was Krieg für die Menschen bedeutet, die ihm alternativlos ausgeliefert sind. Einen realistischeren und zugleich menschlicheren Blick darauf hat man im Kino bisher noch nicht gesehen.

Dunkirk. USA, Großbritannien, Frankreich 2017. Regie: Christopher Nolan. Mit Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Jack Lowden, Kenneth Branagh, Cilian Murphy, Tom Hardy. 107 Minuten. Ab 12 Jahren.

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