Champagnerstündchen auf Downton: von links Laura Carmichael, Matthew Goode, Maggie Smith, Allen Leech, Douglas Reith und Penelope Wilton Foto: /Jaap Buitendijk

Noch einmal fährt der Autor Julian Fellowes das Personal seiner erfolgreichen TV-Serie über das Adelsleben auf: Im Kinofilm „Downton Abbey“ werden die feinen Herrschaften und stolzen Diener von hohem Besuch auf Trab gebracht.

Stuttgart - Man kann viel gegen den Adel sagen. Aber eines muss man ihm bei allem Demokratenstolz lassen: In seinen über die Jahrhunderte hin geführten Familienbüchern findet sich viel erzählenswert Tragisches, Intrigantes, Empörendes und Komisches.

Das Geschlecht der Crawleys allerdings hat sich für Erzählenswertes nie auf seine lange Geschichte verlassen, sondern sich in sechs Staffeln der TV-Serie „Downton Abbey“ Tag um Tag bemüht, den schönen Schein aufs Äußerste zu strapazieren und zugleich um die alten Verhältnisse zu kämpfen, als ginge mit den Ritualen von Downton auch das Abendland zu Ende. In den erzählten Jahren zwischen 1912 und 1926 stecken so viel Tragik, Krisen, Glücksfälle und Herzschmerzen wie in den vollen Archiven eines Museums der Klatschpresse.

Was Neues für die Crawleys

Diese Fülle lässt einen vorab um den nun startenden Kinonachklapp bangen: Hat der Serienerfinder und Autor Julian Fellowesnicht schon alles zusammenfabuliert, was sich dem Earl of Grantham und dessen Haushalt nebst Dienerschaft aufbürden lässt? Kann der Kinofilm vier Jahre nach Serienende noch irgendetwas nicht schon Gesehenes präsentieren?

Die schöne Antwort: Es gibt noch was, was den Crawleys bislang erspart geblieben ist: Ein Besuch der Königlichen Familie, die nun bei einer Reise durchs Land 1927 für eine Nacht in Downton absteigt. Merke: Auch der feine Adel entpuppt sich beizeiten bloß als Reservehotelbetrieb für die übergeordneten Majestäten.

Auch Carson ist wieder dabei

Der hohe Besuch scheucht noch mal alle in Bewegung, die wir kennen, lieben oder mit amüsiertem Graus über die Jahre verfolgt haben: den Earl of Grantham, Lord Robert Crawley (Hugh Bonneville) und seine Gattin Corsa (Elizabeth McGovern) sowieso, aber auch die Töchter Mary (Michelle Dockery) und Edith (Laura Carmichael), den verwitweten Schwiegersohn Tom Branson (Allen Leech), die giftelnde Altherzogin Violet Crawley (Maggie Smith) sowie das immer noch vielköpfige Personal, den Butler Thomas Barrow (Robert James-Collier), die Oberhaushälterin Miss Hughes (Phyllis Logan), den Herrendiener Mr. Bates (Brendan Coyle) und die Zofe Anna Bates (Joanne Froggatt), die Köchin Mrs. Patmore (Lesley Nicol) und das Küchenmädchen Daisy (Sophie McShera) etwa. Der enorme Trubel gibt Fellowes sogar die Chance, den schon verrenteten Alt-Butler Carson (Jim Carter), einen knorrigen Publikumsliebling, zurück ins Spiel zu holen.

Diese Personenaufzählung, die auch wesentlich länger ausfallen könnte, ist kein verzweifelter Versuch, Zeilen zu schinden, um nicht zum Verriss eines möglichen Kassenknüllers kommen zu müssen. Die Figuren sind wie in der Serie das zentrale Angebot von „Downton Abbey“. Der Plot ist nur insofern von Belang, als er den diversen Charakteren eine Chance gibt, vor die Kamera zu kommen. Ja, „Downton Abbey“ ist eine Soap Opera, eine Lieferantin virtueller Freunde, Nachbarn und Dorfklatschereien, aber dabei so unterhaltsam gemacht, dass man aufhören muss, Soap Opera als etwas Grundsätzlich Negatives zu sehen – so wie umgekehrt das Etikett „Erzählkonventionen aufbrechender Avantgardefilm“ nicht grundsätzlich edle Kunst verspricht, wo es doch so oft charme-, struktur- und sinnfreien Schlamassel ziert.

Kritik als Attentat

In der ersten Staffel der Serie hatte Fellowes die Sphären von Oben und Unten, Herrschaften und Bedienten fein austariert, er gab beiden gleiches Gewicht. Das hat sich im Lauf der Jahr geändert. Der Adel wurde als schwindendes Kulturgut überhöht. Die Bedienten bekamen einen manchmal possierlichen Zug, den der treuen Seelen, manchmal einen fiesen Anstrich, den der undankbar und untreu werdenden Umstürzler). Im Kinofilm „Downton Abbey“ hat sich an dieser Perspektive nichts geändert, der neue kritische Geist kommt in Form eines Attentatsversuchs auf den König vor.

Wer damit leben oder das gar als augenzwinkernde Selbstironie des Brexit-Befürworters Julian Fellowes deuten kann, wird viel zu schmunzeln finden. Den nahe liegende Vorwurf, Fellowes feiere hier in einem Propagandafilm inmitten der Brexit-Debatte die britische Gesellschaft der Vor-Europa-Phase, lässt sich leicht auch ins Gegenteil drehen. Ganz unfreiwillig demonstriert Fellowes, dass der gute alte Britenpomp nur noch im Rahmen eines Kinomärchens vorstellbar ist.

Downton Abbey. Großbritannien 2019. Regie: Michael Engler. Mit Maggie Smith, Hugh Bonneville, Elizabeth McGovern, Jim Carter. 123 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.

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