Kinokritik zu Dodokays „Die 1000 Glotzböbbel vom Dr. Mabuse“ Lauter Grasdackel und Hasenschädel

Von Thomas Klingenmaier 

Der im Südwesten sehr beliebte Synchronisations-Pirat Dodokay hat einen alten Krimi von Fritz Lang aus dem Jahr 1960 gekapert, neu vertont und umgeschnitten. Alle reden nun ziemlichen Unfug in breitestem Schwäbisch daher.

Stuttgart - Es quietschen Reifen, krachen Stoßdämpfer, pfeifen Kugeln. Eine heftige Verfolgungsjagd ist da im Gange. Aus dem verfolgten Fahrzeug streut ein Gangster Bleigarben auf die nachhastende Polizei, was Hoffnung macht, der Weltfriede sei möglich: wenn man nur die Schießausbildung dieses Mannes auf alle Militärapparate der Welt übertragen könnte.

Die alten Autos, die Schwarz-weiß-Bilder, die Figuren, die ganze Atmosphäre machen klar: Dies ist ein älterer Film, ein deutscher Krimi aus den Wirtschaftswunderjahren. Man müsste sich also wundern, dass ein Veteran von damals so losprescht. Hätte da nicht schon ein anderer irritierender Stilbruch die Erwartungen durcheinander gewirbelt wie ein Betonmischer Porzellan. Die Polizisten näseln alle im unverschämtesten Marktflecken-Schwäbisch. Und Gert Fröbe, heutigen Filmfreunden vor allem als Bond-Bösewicht Goldfinger bekannt, klingt als Kommissar auch seltsam. Als der Verfolgte auf einen Waldweg abbiegt, freut Fröbe sich in einem Schwäbisch, gegen das Spätzle mit Soß wie ein China-Import wirken: „Ha, des isch ja au an Kappestricker. No hend mr’n ja glei.“

Das kleine schwäbische Dorf

Keine Frage, bei „Die 1000 Glotzböbbel vom Dr. Mabuse“ hat Dodokay zugeschlagen, der respektlose Umsynchronisierer, der aus einem von den Legionen des Sprachwandels zwar belagerten, aber offenbar noch nicht erorberten kleinen schwäbischen Dorf namens Reutlingen stammt. Dort helfen Zaubertränke den Einheimischen dabei, „Leih mir’s G’wehr“ statt „fuck it“ oder „voll krass“ zu sagen.

Der auf den Namen Dominik Kuhn getaufte Tontechiker, Radiomoderator, Werbemacher, Amateurfilmer und Literaturübersetzer hat ein Hobby zum Kultspaß gemacht. Zuerst hat er Film- und TV-Clips ins Schwäbische umgemodelt, auf Youtube hochgeladen, eine ansehnliche Fangemeinde gewonnen, ist vom SWR geheuert worden und hat seinen Schabernack erfolgreich professionalisiert. Derzeit ist er regelmäßig bei Antenne 1 im Morgenprogramm zu hören.

90 Minuten sind lang

Nun hat Dodokay erstmals einen ganzen Kinofilm kapern dürfen. Die aus dem Nachkriegskino nicht wegzudenkende, von Atze Brauner gegründete Produktionsfirma CCC hat ihn eingeladen, sich etwas aus ihren Archiven auszusuchen – und er hat Fritz Langs „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ von 1960 gewählt. Den hat er umsynchronisiert, zerlegen und neu zusammensetzen dürfen. Die Verfolgungsjagd, die jetzt am Anfang steht, war einst dramatischer Höhepunkt.

Logik hat die neue Geschichte keine mehr, und dass Dodokay alle Rollen selbst spricht, wirkt über 90 Minuten sehr viel ermüdender als in einem Zwei-Minuten-Ausschnitt. Wieviel Spaß man hier hat, hängt letztlich davon ab, wie lustig man es findet, dass seriöse Herren einander Hasenschädel, Grasdackel und Lumpasiach nennen. Und dass als Kapitalverbrecher gilt, wer Bonbonpapierchen wegwirft.

Mabuse im Original

Pioniertaten: In den 1920er Jahren war Berlin ein brodelndes Ideenlabor der Filmkunst. Das war Regisseuren wie Fritz Lang (1890-1976) zu verdanken, der mit dem Krimi „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1922) dem US-Kino so voraus war wie mit „Metropolis“ (1927“ und „M“ (1931).

Spätwerk: Nachdem Lang in den Nazijahren und frühen Fünfzigern in Hollywood gearbeitet hatte, holte ihn der Produzent Atze Brauner zurück nach Deutschland. Statt innovativer Meisterstücke wie in der Weimarer Republik lieferte er Unterhaltung, was viele Kritiker verstörte. Das Publikum liebte Langs letzten Film, „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“, andere Regisseure drehten Fortsetzung um Fortsetzung1000 Glotzböbbel vom Dr. Mabuse. Regie: Dodokay, nach einer Vorlage von Fritz Lang. Mit Gert Fröbe, Peter van Eyck,. 90 Minuten. Ab 12 Jahren. Zur Premiere am 30. August 2018 um 20 Uhr kommt Dodokay ins Gloria.

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