Dunkelmänner unterwegs in den Wahnsinn: Willem Dafoe (li.), Robert Pattinson Foto: 2019 A24 Films/A24 Films

Zwei Männer allein im Angesicht der Einöde: Mit dem Psycho-Drama „Der Leuchtturm“ liefert Robert Eggers einen der stärksten Filme des Kinojahrs ab.

Stuttgart - Wütend kreischt die Möwe und tänzelt angriffslustig auf dem Rand der Zisterne, in der eine ihrer Artgenossinnen kläglich ersoffen ist. Winslow (Robert Pattinson) hasst das Vieh mit seinen Vorwürfen und packt es um den Hals. Mit festen Schlägen lässt er den flatternden Körper gegen die steinerne Einfassung des Brunnens prallen, wieder und wieder, bis er nur noch ein schlaffes, blutig-zerfetztes Federknäuel in der geballten Faust hält. Die Aggression der Männer in Robert Eggers Historien-Horrorfilm „Der Leuchtturm“ ist schwer zu ertragen. Dabei führt der Begriff „Horror“ hier in die Irre; mit den wohligen Schrecken des Mainstream-Grusels hat Eggers intensives Film-Delirium nichts zu tun.

Eggers erzählt, wie um 1890 zwei Leuchtturmwärter auf einem Eiland vor der Küste von Maine abgesetzt werden. Vier Wochen lang sollen sie die marode Anlage warten, bis sie von zwei Kollegen abgelöst werden. Thomas Wake (Willem Dafoe), der Ältere, ist erfahren in dem Job, und macht sich den jüngeren Ephraim Winslow zum Untertan. Die Tage sind eintönig, von rauer, körperlicher Arbeit bestimmt. Winslow schleppt Kohlen, reinigt die vermoderte Zisterne, tauscht Schindeln aus, streicht den Korpus des Leuchtturms, der sich wie ein unanständig riesiger Phallus in den wolkenverhangenen Himmel reckt. Wake dagegen säuft viel, kritzelt in sein Logbuch, braut abends einen Fraß aus Fischen und Schalentieren zusammen. Wenn Winslow schläft, kümmert er sich um die Laterne, seinen Gral. „Das ist mein Licht“, bellt er, wenn Winslow auch einmal in die gläserne Kuppel steigen will. Nach einer letzten, durchzechten Sturmnacht verschlafen die beiden die Ankunft des Fährbootes.

Wunderbares Monster von einem Film

Das folgende Inferno eskaliert Robert Eggers stufenweise als beklemmenden, magischen Fiebertraum. Wie im expressionistischen Kino sind die Bilder in ein beengtes, quadratisches Format gefasst. Statt satter Farben gibt es geisterhaft verwischte Abstufungen von Grau zu sehen, wie auf alten, wurmstichigen Fotografien – passend zur schweren See, zum Wind und hart peitschenden Regen, der erst tropfenweise, später in Schwällen in die ranzige Unterkunft der beiden eindringt.

Hier kämpfen nicht nur zwei Männer gegen die Widrigkeiten der Natur, sondern vor allem gegeneinander, gegen ihre Wut, ihre Sexualität, die nach ständiger Befriedigung verlangt, gegen die eigene Körperlichkeit. Wake säuft, furzt, schimpft und prügelt. Winslow masturbiert, grölt und kotzt, sieht Sirenen und steigert sich in grausige Fantasien hinein.

Eggers zeigt die ganze Bedrohlichkeit alleingelassener Männer, die sich über den Alkohol und ihren Status definieren. In der Einöde reiben sich Wake und Winslow gegenseitig den dünnen Firnis der Zivilisation von ihren Seelen und richten sich bis auf die Knochen zugrunde. Eindrucksvoller kann man Wahnsinn nicht inszenieren. Wie Willem Dafoe und Robert Pattinson diesen Abgrund sichtbar machen, ist mehr als bloß hervorragendes Schauspiel. Ein wunderbares Monster von einem Film.

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