Die beiden Patienten Leo (Tim Oliver Schultz, vorn) und Jonas (Damian Hardung) helfen einander im Klinikalltag. Foto: Universum

Das Kino erzählt die Vorgeschichte zur höchst erfolgreichen TV-Serie um eine Gruppe schwer kranker junger Klinikpatienten. Wir haben uns das mal angeschaut.

Stuttgart - Wer blinzelt, verpasst ihn. Albert Espinosas Gastauftritt dauert nur ein paar Wimpernschläge. Kurz vor Schluss sitzt der 1973 in Barcelona geborene Autor in der Cafeteria des fiktiven Kölner Albertus-Klinikums, das drei TV-Serienstaffeln lang der Lebensmittelpunkt seiner Charaktere war.

Hier rollte der beinamputierte Leo (Tim Oliver Schultz) trotzig über die Flure der Kinder- und Jugendstation. Hier war Komapatient Hugo (Nick Julius Schuck) in einer transzendenten Zwischenwelt gefangen, bevor der leicht autistische Toni (Ivo Kortlang) zu ihm durchdrang.

Um seinen Alltag nicht allein meistern zu müssen, gründete Leo einen Club, zu dem neben ihm selbst, Toni und Hugo der krebskranke Jonas (Damian Hardung), der herzkranke Alex (Timur Bartels) und die magersüchtige Emma (Luise Befort) zählten. Als Erkennungsmerkmal dienten ihnen rote Armbänder – eines für jede überstandene Operation –, die sie wie Abzeichen des Überlebens zur Schau trugen.

Galgenhumor eines Überlebenden

Leos Geschichte ist Espinosas eigene. Mit 14 Jahren erkrankte der Katalane an Krebs, zwei Dekaden später schrieb er den Ratgeber „Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt“. Ein Bein, einen Lungenflügel, einen Teil seiner Leber hat Espinosa verloren, nicht aber seine positive Einstellung. Sein Überleben macht anderen Mut. Tagtäglich quillt sein E-Mail-Postfach vor Dankesschreiben über.

Aus seinem Buch gingen die Fernsehserie „Polseres vermelles“ (2011–2013) und zahlreiche internationale Ableger wie der „Club der roten Bänder“ (2015–2017) hervor. Die Mischung aus ungeschminkter Realität und fantastischem Überbau, aus Galgenhumor und Kalenderspruchkitsch ist gewöhnungsbedürftig, traf aber einen Nerv.

Patienten statt Halbgötter

Statt Halbgöttern in Weiß standen endlich Patienten im Zentrum. Deren Erkrankungen waren nicht länger nur zu kurierende Fälle, die das Genie der behandelnden Ärzte herausstrichen, sondern eine Erfahrungswelt, an die viele Zuschauer andocken konnten. Dem Privatsender Vox bescherte seine erste fiktionale Eigenproduktion Traumquoten, Kritikerlob und einen Preisregen.

Nach 30 Episoden war der Stoff auserzählt. Die Freunde hatten erst den Klinikalltag bewältigt, dann das Leben danach und schließlich Clubmitglieder begraben. Doch die Fans wollten mehr. Was liegt also näher, als auf der großen Leinwand die Vorgeschichte dieser verschworenen Gemeinschaft zu erzählen?

Dumme Späße inklusive

Der Regisseur Felix Binder und seine Autoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf drehen die Zeit zurück. Noch wissen die späteren Freunde nichts voneinander, obgleich sich ihre Wege in ausgeklügelten Kamerafahrten und Montagesequenzen kreuzen. Der Hauptstrang der Handlung folgt dem Fußballfan Leo, den ein stechender Schmerz von den Beinen holt. Er hat Krebs wie seine Mutter Hanna (Katinka Auberger).

Von der eigenen Diagnose, der schlechten Verfassung seiner Mutter und der Hilflosigkeit seines Vaters Peter (Jürgen Hartmann) überfordert, findet Leo erst wieder bei seinem Bettnachbarn Benni (Jürgen Vogel) Halt. Ein harter Hund mit weichem Herzen, den Jürgen Vogel mit rauem Charme gibt – dumme Späße und kluge Sprüche zwischen Chemotherapie und Operationstisch inklusive. An seiner Seite sieht Tim Oliver Schultz im doppelten Sinn alt aus. Gegenüber Vogels schauspielerischem Understatement agiert Schultz nicht nur reichlich exaltiert, auch den verunsicherten Jungen nimmt man dem 1988 geborenen Darsteller nie ab.

Von Leos Schicksalsschlägen springt die Handlung zu den übrigen Jugendlichen. Lange bevor der Club zur Ersatzfamilie wird, haben die Mitglieder mit ihren eigenen Familienproblemen und hat der Film mit seiner episodischen Struktur zu kämpfen. Jonas und Toni leiden unter körperlichem Missbrauch, Alex unter der Scheidung seiner Eltern und Emma unter ihrem Vater, der sich mehr für seine Arbeit als für seine Tochter interessiert. Da zeigt sich ein Ungleichgewicht, das sich in Charakterentwicklung und Dramaturgie fortsetzt.

Bloß nicht zweimal blinzeln

Im Vergleich zur Serie ist im Film alles eine Nummer größer, aber kaum intensiver. Die Sets sind pittoresker, die Farben leuchtender, die Kameraeinstellungen breiter. Doch wie die Charaktere laufen auch die Handlungsstränge viel zu lange aneinander vorbei. Des großen Themas der Serie, Zusammenhalt, ist der Film durch seine Rückdatierung zwangsläufig beraubt. Und weil er stets mehr behauptet, als er zeigt, bleiben die Figuren konturlos.

Wer zweimal blinzelt, riskiert, den Faden zu verlieren – von all den Anspielungen, die nur Serienkenner begreifen, ganz zu schweigen. Den Fans dürfte das egal sein. Schließlich können sie die Lücken mit ihrem Vorwissen füllen und werden dafür mit einem kurzweiligen Wiedersehen mit alten Bekannten entschädigt.

Club der roten Bänder: Wie alles begann. Deutschland 2019. Regie: Felix Binder. Mit Tim Oliver Schultz, Damian Hardung, Luise Befort, Ivo Kortlang, Jürgen Vogel. 112 Minuten.

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