Kinokritik zu Auf der Suche nach Oum Kulthum Die Frau, die Patriarchen weinen ließ

Von Sabine Fischer 

In der arabischen Welt genießt die 1975 verstorbene Sängerin Oum Kulthum ähnlichen Ruhm wie die Beatles hierzulande. Die iranische Regisseurin Shirin Neshat erzählt nun von ihr – besser gesagt, von den massiven Schwierigkeiten, die legendäre Kulthum zu porträtieren.

Kairo - Wenn Oum Kulthum sang, lag ihr das Land zu Füßen. Noch bevor sie mit ihrer klagend-schönen Stimme den Refrain eines Songs erreichte, flossen im Publikum die ersten Tränen – und selbst der amtierende ägyptische Präsident bat die schöne Muse andächtig um ein Privatkonzert. Es ist die einzigartige Erfolgsgeschichte einer Frau in der arabischen Welt, so zumindest sieht die Karriere der ägyptischen Sängerin von außen aus. Zur Nationalheldin stilisiert, füllte Oum Kulthum (1898-1975) über Jahrzehnte hinweg Kairos Konzerthallen und brachte mit ihrer Kunst zum Ausdruck, was ein religiös gemaßregeltes Volk nicht offen zu sagen imstande war.

Doch wie nähert man sich einem Menschen, der schon zu Lebzeiten ein Mythos war? Das sperrige, aber clever durchdachte Drama „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ verarbeitet dieses Problem gleich auf mehreren Ebenen. Denn Shirin Neshats Film ist Biopic, Gesellschaftskritik und Künstlerdilemma in einem.

Strenge Regeln

Inhaltlich erzählt er die Geschichte der iranischen Regisseurin Mitra (Neda Rahmanian), die das Leben der Sängerin Oum Kulthum verfilmen möchte und sich nach und nach in Vorurteilen, Sexismus und den Grenzen einer Gesellschaft verfängt, die streng patriarchalischen Regeln unterworfen ist. Immer wieder zeigt Neshat dabei in fast schmerzlich beiläufigen Auseinandersetzungen, wie männliche Kollegen versuchen, Mitra zu torpedieren, zu drangsalieren und sie unterzubuttern.

Auf clevere Art und Weise verweist das Drama so auf jene Schwierigkeiten, vor denen Frauen im arabischen Raum bis heute stehen – und das, obwohl diese ganzen Konflikte auf dem Papier auch in Ägypten eigentlich nicht mehr existieren.

Unantastbare Legende

Zum anderen wagt sich der Film mutig an eine Legende, die fast unantastbar scheint. Schließlich lässt sich Oum Kulthums Ruhm heute locker mit dem Erfolg der Beatles in der westlichen Welt vergleichen. Sich ihr zu nähern, zieht, was die Reaktionen des Publikums angeht, fast schon automatisch eine künstlerische Vollkatastrophe nach sich. Denn quasi jeder Ägypter verbindet mit dem Namen eigene Gefühle, Assoziationen und Erlebnisse. Oum Kulthums Leben künstlerisch nachzuzeichnen, ohne dabei irgendwem auf den Schlips zu treten, scheint nahezu unmöglich.

Vor diesem Dilemma stehen zwar viele Regisseure, die sich an Biopics bedeutender Berühmtheiten versuchen. Doch „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ löst diesen Zwiespalt geschickt. Durch seinen doppelten Boden macht der Film die Probleme des Künstlers selbst zum Thema. Indem Neshat nämlich ein fiktives Filmprojekt in einem realen Film verarbeitet, schützt sie sich selbst vor dem, was ihre Protagonistin erleidet: vor einem Zusammenbruch.

Auf der Suche nach Oum Kulthum. Deutschand, Österreich, Italien, Marokko. Regie: Shirin Neshat. Mit Neda Rahmanian, Najia Skalli. 91 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.

Termin: Zur Vorstellung am Sonntag, 10. Juni, 20.15 Uhr, kommt die Regisseurin persönlich ins Delphi.

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