Der Familienalltag zermürbt den gealterten Künstler Tommaso (Willem Dafoe) Foto: Verleih

„Tommaso und der Tanz der Geister“ erzählt vom Gefühlschaos eines Mannes im Rentneralter.

Stuttgart - Abel Ferrara ist einer der großen Berserker des in New York angesiedelten, amerikanischen Autorenkinos. Wer dessen Filme wie das brutale Rachestück „Die Frau mit der 45er Magnum“, das verzweifelte Cop-Drama „Bad Lieutenant“ oder die schwarze Gangster-Tragödie „The Funeral“ gesehen hat, vergisst die intensiven Bilder nicht so schnell. Inzwischen geht der 1951 in der Bronx geborene Ferrara auf sein 70. Lebensjahr zu. Sein neuester Film „Tommaso und der Tanz der Geister“ ist dennoch kein zahmes Alterswerk, auch wenn der Titelheld wie sein Schöpfer das sechzigste Lebensjahr weit überschritten hat.

Dieser Tommaso (Willem Dafoe), ein Amerikaner, lebt seit kurzem mit seiner jungen, aus Russland stammenden Frau Nikki (gespielt von Ferraras Frau Christina Chiriac) und der gemeinsamen Tochter Deedee (Anna Ferrara) in Rom. Zwischen seinen Aufgaben als Familienvater, Hausmann, Sprachschüler und Schauspieldozent versucht der Regisseur noch einen neuen Film zu entwickeln. Die Beziehung zur egoistisch-anspruchsvollen Nikki leidet­ unter Tommasos Ambitionen, aber auch, weil das etwa zweijährige Kleinkind Deedee die Aufmerksamkeit der Mutter absorbiert und damit das Intimleben der Eltern stört.

Rebellion gegen das eigene Alter

Tommaso ist zudem ein von Dämonen aus der Vergangenheit getriebener Charakter, ein Typ, der in den Sechzigern und Siebzigern ein extremes Leben mit Drogen und Alkohol genossen hat und sich insgeheim zurückwünscht in seine Sturm- und Drang-Zeit. Mit regelmäßigen Besuchen bei einer Selbsthilfegruppe versucht er immerhin, das Verlangen nach den Giften einzudämmen.

Willem Dafoe verleiht diesem kantigen, leidenschaftlichen Mann ungeheure Tiefe. Schmerzhaft ist es, dabei zuzusehen, wie Tommaso mit Lust und Eifersucht ringt und krampfhaft versucht, ein inniges Vater­-Tochter-Verhältnis aufzubauen, aber doch nur in die Rolle des linkisch-überforderten Großvaters rutscht. Unerbittlich­ demontiert Ferrara Tommasos Selbstbild des junggebliebenen Rebellen und führt vor, wie der sich trotzig gegen sein fortschreitendes Alter stemmt.

Losgelöst von Raum und Zeit

In den kompromisslosen, berührenden Alltagsrealismus mischt Ferrara Szenen aus Tommasos Gedankenwelt – ein religiös aufgeladener Kosmos aus kitschig-überfrachteten Szenen, in denen ein idealisiertes Liebespaar losgelöst von Zeit, Raum und gesellschaftlichen Konventionen zu einer Einheit verschmilzt. Diese Mixtur ist nicht immer glücklich, gerade zum Ende hin zerfasert das zornige, oft auch sehr traurige Männerporträt, weil Ferrara fast zuviel erzählen will und Tommasos Erotomanie lüstern überbetont.

Nichtsdestotrotz ist „Tommaso und der Tanz der Geister“ wildes Gefühlskino über einen Menschen, der im Alter nach Möglichkeiten sucht, sich zu bessern.

Tommaso und der Tanz der Geister. Italien, Großbritannien, USA 2019. Regie: Abel Ferrara. Mit Willem Dafoe, Christina Chiriac, Anna Ferrara. 117 Minuten. Ab 12 Jahren. Delphi

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