Psychopathen sollte man nicht reizen: Uma Thurman und Matt Dillon in „The House that Jack built“ Foto: Verleih

Der Regisseur Lars von Trier lockt sein Publikum dorthin, wo es wehtut. Bislang belohnte er es dafür mit Filmkunst. Nun hat er eine Gewaltorgie über einen Serienkiller gedreht, die vor allem darauf abzielt, nachhaltig zu verstören.

Stuttgart - Anfangs scheint alles wie immer bei Lars von Trier: Uma Thurman als Lady mit Reifenpanne provoziert den mürrischen Mann (Matt Dillon), der sie zur Werkstatt fährt – bis ihm der Kragen platzt und er sie mit dem Wagenheber erschlägt. „Das hatte sie verdient“, soll man nun denken in einer dieser typischen Verführungsszenen, mit denen der dänische Regisseur Lars von Trier niedere menschliche Reflexe kitzelt. Besonders gut gelang ihm das in „Dogville“ (2003): Als die von bösen Dörflern zur Arbeits- und Sexsklavin entwürdigte Grace endlich befreit wird, kann man sich des Wunsches kaum erwehren, sie möge es ihnen heimzahlen; als die Mafiosi ihres Vaters aber wirklich anlegen, um alle zu ­erschießen, stellt sich überraschend Mitleid ein mit diesen miesen Kreaturen, die doch nur Menschen sind.

Lars von Trier reflektiert menschliche Abgründe bis zu dem Punkt, an dem die Erkenntnis über das eigene Wesen kaum noch zu ertragen ist – der blutige Paarkrieg in „Antichrist“ (2009) funktionierte so und selbst die sexuellen Höllen in „Nymphpomaniac“ (2014). Nun aber scheint der Filmemacher, der einst die Dogma-Bewegung mit ins Leben rief, den Faden zu verlieren: „The House that Jack built“ ist über weite Strecken einfach nur ein ultrabrutaler Film, in dem ein Mann vorsätzlich Kinder erschießt und Frauen die Brüsten abschneidet. Aus einem Busen macht er sich einen Geldbeutel. Die nackte Gewalt verstört nachhaltig, doch der Film berührt nicht und hat kaum emotionale Manipulationen zu bieten – die Zuschauer werden hier nicht trickreich in die Rolle von Voyeuren gedrängt, sondern mit der Brechstange hineingezwungen.

Morde in Wiederholungsschleifen

Der frühere US-Posterboy Matt Dillon, Dank Gus van Sant und Filmen wie „Drugstore Cowboy“ (1990) auch im Charakterfach beheimatet, spielt den Massenmörder mit eigenem Kühlhaus, der sich vom verstockten Psychopathen mit Putzzwang zum immer sorgloseren Killer entwickelt. Glaubhaft gelingt Dillon die Darstellung eines Mannes mit schwerer Störung, der sein Tun auf ziemlich irre Weise rationalisiert. Dieser Kerl namens Jack kann gesalbt reden, sich als Polizist ausgeben und als Versicherungsvertreter. In Jägerkluft lockt er eine Alleinerziehende mit zwei Jungs als Beute in den Wald, wo er dann nach Jagdprinzipien mordet. Trier brennt ein ­visuelles Feuerwerk ab mit bizarr hindrapierten Leichen, obskuren Kulissen, in Zeitlupe tropfendem Blut, Wiederholungsschleifen der Morde und Schlaglichtartig eingestreuten Szenen aus früheren Filmen wie „Melancholia“. Dazu kommt ein zynischer Blick auf ein waffenstarrendes und waffennärrisches Amerika voller wahnsinniger Revolverhelden.

Überall scheint die Originalität durch, die von Trier auszeichnet, doch hier läuft sie ins Leere, weil die gezeigten Abartigkeiten keinen Erkenntnisgewinn bieten. Einen solchen gab es zum Beispiel in Marjane Satrapis schwarzer Komödie „The Voices“ (2015) mit Ryan Reynolds als Frauenmörder, bei dem die abgetrennten Köpfe der Opfer im Kühlschrank dem Mörder Vorwürfe machten, dessen Wahrnehmungsstörung Satrapi am Ende auch visuell brillant in Szene setzte. Lars von Trier löst am Ende auf, wer während seines Films als Erzähler fungierte: Bruno Ganz verkörpert einen Mann namens Vergil, der Jack in die Hölle hinabführt, wie es in Dantes „Göttlicher Komödie“ der römische Dichter Vergil mit dem Reisenden tat.

Zu Recht erst ab 18 freigegeben

Zwischenwelt und Jenseits sind immer eine Herausforderung, an der schon Peter Jackson gescheitert ist in seinem Kindermörderfilm „In meinem Himmel“ und Wim Wenders in seinem Psychodrama „Palermo­ Shooting“ (2008), in dem Dennis Hopper als Tod auftrat. Lars von Trier bleibt schon tricktechnisch weit unter dem Standard selbst mittelmäßiger Horror- und Fantasyfilme und lässt seine Gewaltorgie, die zurecht erst ab 18 Jahren freigegeben ist, einfach verebben.

Es ist Zeit, sich ernsthaft Sorgen zu ­machen um die psychische Verfassung dieses genialen Filmregisseurs.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: