Es gibt keine Grund, den Campus der Firma überhaupt noch zu verlassen: Karen Gillian (links) und Emma Watson in „The Circle“ Foto: Verleih

In der vernetzten Welt verschwindet die Privatsphäre: James Ponsoldt hat Dave Eggers’ dystopischen Bestseller verfilmt, inhaltlich stringent, aber mit entschärftem Schluss. Mitunter hat er Mühe, eine Bildsprache zu finden.

Stuttgart - Irgendwann hofft man, Emma Watson würde den Zauberstab ­zücken und dem Spuk ein Ende bereiten. Doch sie ist in „The Circle“ nicht Hermine Granger, die integre, charakterfeste Verbündete des Zauberlehrlings Harry Potter, sondern Mae Holland, eine formbare junge Frau, die sich in einem Netzwerkkonzern verliert. Watson verleiht dieser Mae eine kindliche Naivität, die schmerzt und doch wahrhaftig wirkt. Man glaubt Mae, dass sie der ­vermeintlichen Hipness und dem Hype aufsitzt, mit denen die Firma sich umgibt, und dass sie dabei viel zu lange überhaupt nicht bemerkt, dass die Datenkrake auf dem besten Weg ist, die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Der dystopische Roman des US-Autors Dave Eggers war 2014 ein Bestseller auch deshalb, weil die nahe Zukunft, in die er blickt, beinahe schon da war. Sein fiktiver Konzern The Circle vereint die Geschäftsfelder von Firmen wie Google, Apple und Facebook unter einem Dach, er verfügt über einen Campus mit sozialen Aktivitäten, medizinischer Versorgung und allen Annehmlichkeiten, der ein Leben außerhalb eigentlich überflüssig macht – genau so, wie es im realen Silicon Valley längst Usus ist.

Es existiert nur, was irgendwo gepostet, gelikt und geteilt worden ist

Die frisch eingestellte Mae netzwerkt ehrgeizig auf mehreren Monitoren, sie kommuniziert mit Kunden und mit Kollegen. Bald lernt sie, dass es nichts Privates mehr gibt, dass nur existiert, was irgendwo gepostet, gelikt und geteilt worden ist. Schließlich wird sie auserkoren, sich als erster Mensch überhaupt völlig transparent zu machen, rund um die Uhr eine Kamera zu tragen und die Welt an ihrem gesamten Sein teilhaben zu lassen. Wenn alle alles von allen anderen wüssten, so die These, werde die Welt ein besserer Ort sein, ein Paradies ­ohne ­Lügen und Geheimnisse.

Eggers und Regisseur James Ponsoldt haben das Drehbuch nah am Roman entwickelt – bis auf einige kleine Änderungen und eine große. Sie haben das Ende filmdramaturgisch gebügelt und ihm einen Teil seiner Kraft genommen, den skeptischen Blickwinkel zum Glück aber nicht vollständig revidiert. Ponsoldt müht sich redlich, die Campus- und die Netzrealität auf die Leinwand zu bringen: mit eingeblendeten Kurznachrichten, Blicken auf Displays und Get-togethers. Das gelingt ihm nicht so gut wie David Fincher in „The Social Network“ (2010), und seine Vision der Welt von morgen ist weniger einnehmend als die von Spike Jonze in „Her“ (2013) oder von Alex Garland in „Ex Machina“ (2014). Inhaltlich aber ist Ponsoldts Film stringent. Er entlarvt die Mär von der totalen Transparenz als totale Überwachung, und er bleibt konsequent im Bild, wenn der Circle die Welt mit augapfelförmigen Kameras überzieht und zum allsehenden Big Brother wird.

In der Realität leben schon jetzt Millionen Menschen öffentlich

Emma Watsons Mae ist enervierend unkritisch als willfährige Erfüllungsgehilfin. Wie alle „Circler“ hängt sie an den Lippen des Visionärs Bailey, der im Stil eines Steve Jobs auftritt. Tom Hanks kann das. Mit der sanften Stimme eines Hypnotiseurs schwört er die Jünger auf Höheres ein, die applaudieren, wenn er sagt: „Ich glaube an die Perfektionierbarkeit des Menschen.“ Patton Oswalt gibt einen mürrischen Häuptling, der seine Verachtung für Indianer kaum verbirgt, Karen Gillan ­Maes überspannte Freundin Annie, die seltsam flüchtig erscheint in ihrer Terminhatz.

In den USA hat die Kritik den Film vernichtet, was ein wenig seltsam anmutet – Ponsoldts Werk mag ein wenig zu brav geraten sein und unter seinen Möglichkeiten bleiben, es ist aber ein solider Beitrag zu einer gesellschaftlichen Umwälzung ungekannten Ausmaßes. In der Realität leben schon jetzt Millionen Menschen öffentlich, wenn sie ständig in sozialen Netzwerken teilen, was sie tun, denken und essen. Sie füttern die Konzerne, pfeifen auf den Datenschutz und nehmen die Welt vor allem unter dem Blickwinkel wahr, inwiefern sie als Bühne zur Selbstdarstellung taugt.

Für Maes Ex-Freund, der privat bleiben möchte, gibt es kein Entrinnen

Wie klein der Schritt zum Denunziantentum ist, wie schnell eine Hexenjagd auf Verweigerer in Gang kommt und welche ­fatalen Konsequenzen das haben kann, diese Mechanismen legt „The Circle“ offen. Für Maes Ex-Freund, der lieber privat bleiben möchte, gibt es kein Entrinnen. Spätestens da wünscht man sich, Emma Watson würde doch noch die Rolle wechseln und die Netzwerkjünger mit einem magischen Fingerschnippen aufwecken aus ihrem kollektiven Rausch. Als Mae aber fügt sie sich dem scheinbar Unausweichlichen, gibt sich ihm widerstandslos hin.

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