Auch die erfahrene Sozialarbeiterin Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) ist mit ihrem Latein am Ende angesichts der krassen Stimmungumschwünge der oft liebreizenden Benni (Helena Zengel) Foto: Weydemann Bros./Yunus Roy Imer

Was tun, wenn ein Kind sich total verweigert? Dieses Filmdrama bietet aufwühlende Einblicke.

Stuttgart - Gerade noch war Benni ein zauberhaftes Engelchen, da wird sie ganz plötzlich zur Furie: Sie brüllt Kraftausdrücke und schleudert in wildem Zorn Bobby-Cars gegen die Glastür und die Fensterscheiben der Einrichtung für Kinder, die man früher „schwer erziehbar“ nannte. Wenn es ganz schlimm kommt, greift die Neunjährige auch mal zum Küchenmesser und bedroht ihren Erzieher. Benni will nur eines: zurück zu ihrer alleinerziehenden Mutter. Die aber ist völlig überfordert mit den Ausbrüchen ihres unberechenbaren Kindes.

Nora Fingscheidt beschreibt ein Kind, das seine Emotionen nicht kontrollieren kann und nirgends ein Zuhause findet – Pädagogen nennen solche Fälle inoffiziell „Systemsprenger“. Man spürt die Recherchetiefe, im geschützten Raum der Filmakademie Baden­-Württemberg konnte die Filmemacherin jahrelang intensiv am Buch arbeiten, Einrichtungen besuchen, mit Betroffenen reden, Kinder beobachten.

Die Kinderdarstellerin Helena Zengel ist eine Wucht

Die Erwachsenen beißen sich an Benni die Zähne aus, die empathische Frau Bafané vom Jugendamt­ (Gabriela Maria Schmeide) wie der engagierte Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch). Das Trauma der Kleinen blitzt in Schlaglichtern auf, ihre unbändige Energie wird spürbar, wenn der Kameramann Yunus Roy Imer ihr in ihrem Rhythmus mit der Handkamera folgt. Die Kinderdarstellerin Helena Zengel ist eine Wucht, erschreckend glaubhaft zelebriert sie Bennis Stimmungsumschwünge vom Engelchen zum Teufelchen.

Als Kontrollgruppe dienen Unbeteiligte. Ein Bauer fängt die ausgebüxte Benni ein und zwingt Micha in eine Diskussion über den Sinn und Unsinn seines Tuns – ja der gesamten­ staatlichen Fürsorge, bei der offenbar­ wenig herauskomme. Der Film zeigt das genaue Gegenteil, aber eben auch, dass es Extremfälle gibt. Die Zuschauer werden von Fragen überrollt und bleiben am Ende­ aufgewühlt zurück. Fingscheidt ist zu Recht­ eine Oscar-Kandidatin.

Systemsprenger. Deutschland 2019. Regie: Nora Fingscheidt. Mit Helena Zengel, Gabriela Maria Schmeide. 118 Minuten. Ab 12 Jahren. Delphi

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