Surreale Begegnung mit einer verschütteten Vergangenheit: Tom Sturridge (re.) in „Remainder“ Foto: Verleih

In seinem ersten Spielfilm entführt der israelische Videokünstler Omer Fast seine Zuschauer in den Kopf eines Mannes mit Gedächtnisverlust, der sich seine eigene Realität erschafft.

London - Realität ist, was Menschen dafür halten – eine schillernde Blase aus Wünschen, Vorurteilen und bequemen ­Gewissheiten, die sofort platzt, wenn ­jemand sie anpikst. Der israelische Videokünstler Omer Fast, geboren in Israel und schon länger in Berlin ­beheimatet, kreist in fast allen seinen Arbeiten um das Wesen der Wirklichkeit.

Schon für „CNN Concatenated“ (2002) schnitt er aus Nachrichtenschnipseln eine neue Botschaft zusammen und bewies ­damit, wie anfällig für Manipulationen elektronische Medieninhalte sind. Auf der Documenta 2012 zeigte Fast in Kassel seine Arbeit „Continuity“, in der ein Paar einen jungen Mann in Bundeswehruniform vom Bahnhof abholt – scheinbar eine Rückkehr aus einem Afghanistan-Einsatz. Doch schon am nächsten Tag sind sie wieder am Bahnhof, holen den nächsten ab und am Tag ­darauf wieder einen – Callboys gegen das Trauma, eine ­Suche nach einem Ausgang aus einer kaum zu ertragenden Wirklichkeit

Bei der Berlinale 2016 nun hat Omer Fast in der Nebenreihe Panorama seinen ersten Spielfilm „Remainder“ vorgestellt. Basierend auf einem Roman des britischen Autors Tom ­McCarthy erzählt er die Geschichte eines jungen Mannes namens Tom, dem ein Stück des Vordachs eines Londoner Investorenbaus auf den Kopf fällt.

Realität gerinnt zur menschlichen Schöpfung

Er verliert sein Gedächtnis und nutzt die 8,5 Millionen Pfund Schmerzensgeld, um allmählich wiederkehrende Erinnerungsfetzen zu rekonstruieren, in denen ein Junge eine Hauptrolle spielt. Tom heuert einen Spezialisten an, der alles Gewünschte besorgen kann, um Situationen haarklein nachzustellen – ein ganz spezielles Mietshaus, in dem eine alte Frau stundenlang ­Leber brät, ein Pianist nur Chopin spielt und einige Komparsen in Ganzkörperstrümpfen ­nichts anderes tun, als an exakt bestimmten Stellen auszuharren. Schließlich sieht Tom Schemen eines Bankraubs, und bald beginnt die Situation zu entgleisen.

In Omer Fasts Film gerinnt die Realität vollständig zur menschlichen Schöpfung in einer extrem dichten Inszenierung, die erschüttert, verstört, sprachlos macht. Das sich zuspitzende Geschehen manipuliert die Wahrnehmung der Zuschauer auf allen Ebenen – „mindfuck“ nennen das Briten und Amerikaner. Woher kennt der Didgeridoo-Spieler in der U-Bahn-Station Tom? Wer ist die Frau, die sich als Freundin ausgibt? ­Wieso fallen Katzen vom Dach? Welche Rolle spielen die jugendlichen Halbstarken, ­welche die Telefonzelle? Szenen wiederholen sich, aber nie genau gleich. Dazu rauscht, klickt und fiept es unausgesetzt im Hintergrund, kaum wahrnehmbar, aber nicht zu ­ignorieren. Der Soundtrack in Toms beschädigtem Kopf überträgt sich unweigerlich.

Auf den Spuren von Christopher Nolan

Tom Sturridge („Am grünen Rand der Welt“) in der Hauptrolle vollzieht mit seiner Figur eine fein nuancierte 180-Grad-Wendung vom wehrlosen Opfer zum Diktator, er demonstriert, wie schmal der Grat dazwischen sein kann. Arsher Ali („Four Lions“) glänzt als geschmeidiger, stets makellos ernsthafter Problemlöser Naz.

Auf den Spuren von Christopher Nolan („Memento“) und Terry Gilliam („12 Monkeys“) ist Omer Fast ein Stück ungewöhnliche Kinokunst gelungen. Er zeigt exemplarisch, wie groß die Möglichkeiten des ­Mediums Film sind, wie wenig sie für ­gewöhnlich ausgeschöpft werden und ­welche Bereicherung eine künstlerische Perspektive sein kann.

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