Die Ballerina Dominika (Jennifer Lawrence) geht durch eine harte Schule Foto: Verleih

Jennifer Lawrence spielt eine russische Agentin als geschundene Frau im Selbsterhaltungsmodus. Der Regisseur Francis Lawrence inszeniert in seinem Thriller den Kampf der Geschlechter als eine Hatz gleichberechtigt brutaler Gegner.

Stuttgart - Schmerzen und Blessuren gehören zum Alltagsgeschäft für Dominika (Jennifer Lawrence), Prima-Ballerina am Bolschoi in Moskau. Nach einem Bühnenunfall mit offenem Schienbeinbruch aber muss Dominika ihr Tutu an den Nagel hängen. Ein herber Schlag, denn ihre Mutter Nina (Joely Richardson) ist schwer krank und bislang bezahlte die Bolschoi-Direktion Unterkunft und Pflege. Nun ­endet diese Fürsorge.

Aus existenzieller Not begibt sich Dominika in eine noch tiefere Abhängigkeit – und gestählt vom Drill unzähliger Trainingseinheiten scheint die äußerlich zarte Tänzerin wie geschaffen für den Job, den ihr Geheimdienst-Onkel Vanya (Matthias Schoenaerts) ihr anträgt. Als verführerische Agentin soll sie nach einem amerikanischen Maulwurf innerhalb der russischen Regierung fahnden. Nach einer harten Ausbildung wird sie auf den jungen CIA-Agenten Nathaniel Nash (Joel Edgerton) angesetzt. Doch bald verwischen die Grenzen zwischen Freund und Feind.

Die Charaktere fühlen sich nur ihren Ambitionen verpflichtet

Im Russland unter Putins Führung erinnert die politische Lage an die Ära des kalten Krieges. So beschreibt Regisseur Francis Lawrence („Die Tribute von Panem“) das Verhältnis zwischen den USA und Russland in seinem ruppigen Agententhriller „Red Sparrow“. Um konkrete aktuelle Bezüge geht es allerdings weniger; von den wirtschaftlichen Sanktionen etwa, verhängt von den USA und der EU als Reaktion auf Putins Vorgehen in der Ukraine, ist hier keine Rede. Lawrence interessiert sich mehr für das frostige, vom Freund-Feind-Denken geprägte Gesellschaftsklima. So kann man „Red Sparrow“ zunächst als modern inszenierte Hommage an die Agententhriller der Sechziger und Siebziger missverstehen – doch es gibt entscheidende Unterschiede.

Damals erschien das politische Gefüge auf der Welt zwar extrem verhärtet, ­zugleich aber viel überschaubarer als in unserer Gegenwart. Die Politik der klaren Fronten machte es Film-Agenten wie dem Engländer James Bond in zahllosen Abenteuern einfach, das Böse vom Guten zu unterscheiden. In „Red Sparrow“ fällt diese Trennung nicht so leicht. Sehr zeitgemäß setzt Francis Lawrence auf die Unberechenbarkeit gefährlich schillernder Charaktere, die vielmehr den eigenen, ­undurchsichtigen Ambitionen verpflichtet sind als den Interessen eines korrupten Staates. Besonders reizvoll ist dabei, dass der Drehbuchautor Justin Haythe eine Frau ins Zentrum der Handlung stellt; im klassischen Agentenfilm gab es nur selten Protagonistinnen mit tragender Funktion. Erst 2017 Jahr adaptierte der Amerikaner David Leitch den Hard-Boiled-Comic „Atomic Blonde“ fürs Kino, Charlize Theron prügelte sich als knallharte Heroine in der Endphase des Kalten Krieges durch Horden von KGB-Agenten und DDR-Volkspolizisten. Anders als in diesem stilversessenen, Action-betonten Film geht es in „Red Sparrow“ ernsthafter und düsterer zu.

Menschenverachtende Praktiken in der „Hurenschule“

So lernt Dominika im Agentenbootcamp, wie man mit sexueller Verführungskunst Macht über Gegner erhält. Dass sie selbst als Mensch und als Frau hier nichts zählt, bringt sie an ihre Grenzen. Vor ihrem Onkel spricht sie bitter von der „Hurenschule“. Fast unerträglich explizit inszeniert Francis Lawrence dann auch die menschenverachtenden Praktiken der Umerziehung im Red Sparrow-Programm. Die sadistische Ausbildungsleiterin (Charlotte Rampling) erniedrigt genussvoll ihre Schüler, zwingt zwei von ihnen zu Schulungszwecken gar zur Fellatio vor versammelter Klasse. Auch eine Vergewaltigung steht auf Dominikas Stundenplan. Doch gerade unter diesen extremen Bedingungen entwickelt die geschundene Frau Selbsterhaltungskräfte und innere Unabhängigkeit. Jennifer Lawrence verleiht ihrer stoisch kalten Ballerina Glaubwürdigkeit und Stolz. Dass Dominika selbst grausamste Folter mit halbwegs heiler Haut und Seele übersteht, grenzt dennoch an ein Wunder.

Einerseits kann man „Red Sparrow“ unter dem Eindruck der MeToo-Debatte und der Frage, wie sich Frauen in Männerdomänen behaupten können, durchaus als zugespitzten Kommentar zum gegenwärtigen Geschlechterverhältnis deuten. Andererseits stößt die gegen Frauen und Männer gleichermaßen gewendete Gewalt in der direkten, fast lüstern faszinierten Darstellung bitter auf. In Lawrence’ Film ist die Welt ein von rücksichtslos machthungrigen Menschen dominierter Ort, an dem nur überleben kann, wer mit extrem fiesen Mitteln zurückschlägt.

Die zarte Romanze hat keine Chance

An die zarte Romanze zwischen Dominika und dem Amerikaner Nash verschwendet der Regisseur entsprechend ­ wenig Energie. Wären die Verhältnisse andere, hätten die beiden vielleicht eine Chance. Solange aber die äußeren Bedingungen nicht stimmen, wird die Liebe zwischen Mann und Frau auf Eis gelegt.

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