Auch Piraten haben mal Probleme mit Piraten: Kapitän Barbossa (Geoffrey Rush, li.) und Jack Sparrow (Johnny Depp) Foto: Disney

Nach sechs Jahren Pause kehrt Piratenkapitän Jack Sparrow auf die Leinwand zurück. Im Kinoneustart „Pirates of the Caribbean: Salazars Rache“ bekommt er es mit menschlichen Widersachern und rachsüchtigen Untoten zu tun. Kann Johnny Depp uns noch mal überzeugen? Kann die Reihe sich nach dem eher schwachen Vorgänger im fünften Teil noch mal steigern?

Stuttgart - Wenn im Kino die fesche Totenkopfflagge aufsteigt, wenn sich Seeräuber aus der Takelage schwingen, dann geht es um Gold, Silber und Edelsteine. Vordergründig jedenfalls. Man braucht aber auch als kindlicher Zuschauer nicht lange, um zu begreifen, dass hier keine rauen Kerle übers Meer fahren, um Beute zu machen, sondern dass da raue Kerle Beute machen, um weiter übers Meer fahren zu können. Das Piratenkino träumt vom freien Leben jenseits der Regeln.

Der fünfte Teil der „Pirates of the Caribbean“-Reihe beginnt mit einem Beutezug. Aber der findet an Land statt, nicht auf See. Die „Black Pearl“, das flotte Kaperschiff des Piraten Jack Sparrow, ist ja im Lauf der bisherigen Abenteuer zum Buddelschiff verhext worden. Das Ersatzgefährt ist ein morscher Elendshaufen, der ohne Wasser unterm Kiel mehr wie ein verwahrlostes Strandklo als wie eine Meeresgeißel aussieht. Dazu passend ist Sparrows Mannschaft ein desolater Haufen.

Krisenherd Jack

Die Kulissen für den Raub sind spektakulär schön, die Schnitte in „Salazars Rache“ aber vom Start weg ein bisschen zu flott, zu besorgt an die Generation Ritalin angepasst, als dass sich die Szenerie recht genießen ließe. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, „Salazars Rache“ erzähle mit seinen orientierungslosen Seebären und gestrandeten Schiffen von einem Hollywood der Megabudgets, das festsitzt im Zwang der kalkulierbaren Wiederholungen, das sich festgefressen hat in der Auswertung multimedialer Franchises.

Und dann ist da als Krisenherd noch Jack Sparrow (Johnny Depp), der große Anarchist und Chaot des Piratenkinos, der im Auftaktfilm „Fluch der Karibik“ 2003 romantische Grandezza entfalten konnte. Im Lauf der Filme entwickelte er sich zum zerstreuten, versoffenen Versager, zum taumelnden Narren. In der Auftaktsequenz von „Salazars Rache“ treffen wir ihn im Suffschlaf an - im Inneren eines Safes, auf einem Goldhaufen, der wie die Reiseproviantvariante von Dagobert Ducks Talersee im Geldspeicher wirkt.

Die Sache mit dem Safe

Das setzt sich im Zuschauergehirn als Bild für ein auf Geldbergen eingeschlafenes, faul gewordenes US-Kino fest. Wenn dieser Safe dann ruckartig weggezogen, durch Wände gerissen und durch die Straßen geschleift wird, möchte man dem aus Norwegen stammenden Regieduo Joachim Rønning und Espen Sandberg („Max Manus“, „Kon Tiki“) fest die Daumen drücken. Ist das etwa eine Ausbruchsfantasie, die Vision neuer Talente, den Mammon vom Sockel zu stoßen?

Aber Slapstick-Ketten, wie sie „Salazars Rache“ eine nach der anderen bietet, sind nichts Neues in der Piraten-Reihe. Übermütige, abgedrehte, ausgeflippte Verballhornungen von Helden- und Schurkentaten gab es viele witzige und ein paar geniale. Die neuen Aufgeregtheiten können da nicht mithalten – sollen aber den ganzen Film tragen.

Hier gibt es den Trailer zu „Pirates of the Caribbean: Salazars Rache“

Denn viel Plot hat das Drehbuch nicht zu bieten. Man könnte ihn mit dem Tuschpinsel auf den Bauch einer vorüberfliegenden Hornisse malen, ohne das Tierchen größer zu irritieren. Eine Gespensterbande Halsabschneider möchte von einem Fluch erlöst werden. Dazu wollen die Untoten Sparrow abschlachten, der gerne unbehelligt bliebe. Beides klappt nicht auf Anhieb.

Bloß noch eine Hand

Auch an Gespenstern herrschte bislang kein Mangel in der Disney-Karibik. Aber die rottende Mannschaft von Kapitän Salazar (Javier Bardem) steuert eine pessimistische Note bei: Nur noch halb vorhandene Wesen sind das, mit Resten von Fleisch auf lückenhaften Knochen, einige ohne Kopf, manche nur noch in Andeutungen vorhanden, einer ist nicht viel mehr als eine frei schwebende Hand, die einen Säbel führt. Auch da scheint Hollywood sich ein Spottbild der eigenen Resteverwertung zu malen, sich und uns vor Augen führen zu wollen, was passiert, wenn man die gleichen Genreelemente immer wieder vor die Kamera zerrt, ohne ihnen einen frischen Lebensfunken zu schenken.

Als Fan der Reihe wird man sich an ein paar der kuriosen, märchenhaften Über- und Unterwasserbilder klammern, wird hoffen, dass die Serie aus dem Formtief herausfindet. Aber so fahrig, wirr, lallend und zickig, wie Johnny Depp Sparrow spielt, muss man fürchten, dass hier ein wenig belastendes Pro-forma-Drehbuch um einen aus dem Leim gehenden Superstar geschrieben wurde, den man zu einer disziplinierten Darstellung nicht mehr motivieren kann, dem man Platz schaffen muss für das Ausleben diverser Mätzchen. Vielleicht ist es auch in der Piratenwelt an der Zeit, mal den Kapitän auszuwechseln.

Pirates of the Caribbean: Salazars Rache. USA 2017. Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg. Mit Johnny Depp, Javier Bardem, Kaya Scodelario, Paul McCartney. 129 Minuten. Ab 12 Jahren.

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