Nelly (Joséphine Sanz, links) findet in Marion (Gabrielle Sanz) unverhofft eine Freundin. Foto: Alamode

Die französische Regisseurin Céline Sciamma taucht in ihrem Kinofilm „Petite maman“ in die Welt der achtjährigen Nelly ein und entdeckt ein verlorenes Paradies.

Als ihre Mutter paar Erinnerungen über ihre Kindheit mit ihrer achtjährigen Tochter Nelly teilt, sagt diese: „Das interessiert mich. Ich bin ein Kind.“ Nelly ist ein aufgewecktes Mädchen, sie ist mit ihren Eltern im Haus ihrer gerade verstorbenen Großmutter, wo alle auf ihre Art Abschied nehmen. Die Mutter reist unvermittelt ab, weil sie Zeit für sich braucht, Nelly und ihr Vater kümmern sich weiter ums Ausräumen.

 

Tagsüber geht die Kleine in den benachbarten Wald. Sie würde gern dort, wo ihre Mutter dies einst getan hat, eine Hütte aus Ästen bauen, und entdeckt ein Mädchen, das genau dies tut – und das wie ihre Mutter Marion heißt. Die beiden freunden sich an, backen Pfannkuchen, spielen Rollenspiele und fahren im Schlauchboot über den See.

Der Film taucht in Nellys Wahrnehmung ein

Für „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (2019) hat die französische Autorenfilmerin Céline Sciamma in Cannes die Drehbuch-Palme bekommen. Darin ging es um die Geschichte einer unerfüllten Liebe zweier Frauen im 18. Jahrhundert. In ihrem fünften Spielfilm „Petite Maman – Als wir Kinder waren“ nun zelebriert Sciamma die kindliche Fantasie. Sie begibt sich auf Augenhöhe mit Nelly, passt sich ihrer Geschwindigkeit an und nimmt sich Zeit, in ihre kleine Welt und ihre Wahrnehmung einzutauchen.

Die Zwillingsschwestern Joséphine und Gabrielle Sanz sind sehr goldig und machen ihre Sache großartig. Nellys leicht schwermütige Mutter (Nina Meurisse) und ihr knuffiger Vater (Stéphane Varupenne) sind auf ganz typische Weise latent überfordert, so wie fast alle Eltern – sie kümmern sich, so gut sie eben können.

Sciamma spricht das Kind in uns allen an

Wer es im Kino gerne turbulent hat, mag diesen Film als langatmig empfinden; wer sich darauf einlässt, kann reich belohnt werden: Sciamma spricht das Kind in uns allen an, sie arbeitet einfühlsam das verlorene Paradies heraus, das die Kindheit auch ist.