Größtmögliches Wohlstandsgefälle: Choi Woo-shik in einer Szene von „Parasite“ Foto: Verleih

Im reichen Tigerstaat Südkorea kämpfen Arme mit ungewöhnlichen Tricks ums Überleben. Davon erzählt der Regisseur Bong Joon-ho in seinem Thriller „Parasite“. In Cannes gab es dafür die Goldene Palme.

Stuttgart - Wenn der Schädlingsbekämpfer mit seinen Giftgas-Tanks anrückt, um Schaben und anderem Getier den Garaus zu machen, würde jeder Mieter in dem ärmlichen Viertel von Seoul sofort Fenster und Türen luftdicht verrammeln. Nicht so Familie Kim. Begeistert öffnet sie die Läden ihres Souterrain-Apartments, um die übel stinkenden Schwaden von draußen in die Räume ziehen zu lassen. Völlig kostenfrei wird sie so das Ungeziefer in der Wohnküche los!

Es ist erschütternd, dass Menschen im wohlhabenden Südkorea bis heute so leben. Doch der Regisseur Bong Joon-ho, international gefeiert spätestens seit seinen sozialkritischen Thrillern „Mother“ (2009) und „Snowpiercer“ (2013), macht in seinem jüngsten Werk „Parasite“ zunächst kein großes Gewese um diese unwürdigen Zustände. Auf den ersten Blick wirkt Familie Kim vor allem patent im Umgang mit den Unannehmlichkeiten und erstaunlich fröhlich – abgesehen von ihren offensichtlichen wirtschaftlichen Nöten.

Substanzielle Armut macht erfinderisch

Vater (Song Kang-ho) und Mutter Kim sowie deren zwei fast erwachsene Kinder Ki-Jung (Park So-dam) und Ki-Woo (Choi Woo-shik) halten sich mit kleinen Jobs wie dem Falten von Pizza-Kartons über Wasser. Kostenloses WLAN zapfen die Geschwister von den besser gestellten Nachbarn, was unnötige Ausgaben spart. Als aber ein heftiger Wolkenbruch die Kellerräume der Kims flutet, wird deren bescheidenes Heim auf einen Schlag unbewohnbar. Eigentlich eine furchtbare Szene, die der Filmemacher in eine komische Slapstick-Sauerei verwandelt, wenn die Kim-Sprösslinge sich dem braun-übersprudelnden Klo zur Wehr setzen.

Die Erfahrung substanzieller Armut, erzählt Bong Joon-ho nun in heiter-verschmitzter Tonlage weiter, macht erfinderisch: Ermuntert durch einen Freund stellt sich Ki-Woo bei der wohlhabenden Frau Park (Cho Yeo-Jeong) als Nachhilfelehrer vor und unterrichtet bald deren halbwüchsige Tochter. Da Frau Park noch Privatlektionen für ihren angeblich künstlerisch hochbegabten Sohn benötigt, schleust Ki-Woo seine Schwester Ki-Jung als europäisch ausgebildete Kunsterzieherin in die Familie ein. Auch seine Eltern versorgt er mit Posten im Haushalt der Parks. Dass ihre neuen Angestellten miteinander verwandt sind, ahnen die Arbeitgeber jedoch nicht.

Der Regisseur hat ein Herz für Underdogs

Allein diese schleichende Unterwanderung, als wiederkehrendes Motiv des Genre-Kinos „Home Invasion“ genannt, böte schon genug Stoff für haarsträubende Verwicklungen, doch Filmemacher Bong zieht in seiner über zweistündigen, nie langatmigen Thriller-Tragikomödie immer neue Register. Um sein Publikum allerdings noch überraschen zu können, hat Bong Joon-ho in einem offenen Brief an Filmkritiker erbeten, dass diese keine weiteren Details zum Plot seines Films bekannt geben.

Wer frühere Arbeiten des Regisseurs gesehen hat, weiß ohnehin: Der Koreaner hat ein Herz für Underdogs, bedient keine konventionellen Handlungsschemata und ist nicht zimperlich im Umgang mit expliziter Gewalt. Auf die Darstellung der trickreichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Familie Kim verwendet Bong Joon-Ho viel Zeit und erweckt dabei Sympathie sowohl für die Kims als auch für die Parks, die in einem postmodernen Architekten-Traum aus Glas, Sichtbeton und Edelhölzern leben. Auf eine schlichte Verurteilung der koreanischen Oberschicht will der Film ebenso wenig hinaus, wie auf die Stigmatisierung der Armen als hilflose Opfer egomanischer Turbokapitalisten.

Die Räume spiegeln den Klassenunterschied

So setzt die mit ihren schwierigen Kindern überforderte, offensichtlich naive Frau Park viel Vertrauen und Hoffnung in ihre neuen Hauslehrer. Noch dazu verliebt sich die Tochter der Parks sofort in ihren hübschen Nachhilfepauker und wird wie ihre Mutter zunächst auch bewusst von ihm manipuliert. Wenn aber Herr und Frau Park angewidert über den seltsamen Arme-Leute-Geruch ihrer Bediensteten lästern, tritt offen zutage, wie groß die Kluft zwischen den Schichten tatsächlich ist.

Der harsche Klassenunterschied erweist sich besonders in der Gegenüberstellung der verschiedenen Wohnräume als unüberwindbar. Die Villa der Parks gewährt ihren Bewohnern durch puristische Eleganz, Transparenz und Weitläufigkeit einen freien Blick auf die Welt, die extrem beengte Kellerwohnung der Kims versinnbildlicht deren begrenzte Möglichkeiten, sich ihren Bedürfnissen gemäß zu entwickeln. Bei aller deutlichen Sozialanklage und trotz der zum Schluss des Films zu beklagenden Opfer ist „Parasite“ schwarz-humorig lustig und die besonders im letzten Drittel des Films aufbrausende Gewalt nicht zu drastisch inszeniert. Weh tut „Parasite“ sicherlich, doch Bong Joon-ho drückt sein Publikum nicht nieder. Er gibt ihm Stoff, über soziale Beschränkungen nachzudenken, sich dabei aber auch diebisch zu amüsieren.

Parasite. Südkorea 2019. Regie: Bong Joon-ho. Mit Choi Woo-shik, Park So-dam, Song Kang-ho. 132 Minuten. Ab 16 Jahren. Atelier am Bollwerk

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