Alte Liebe: Javier Bardem, Penélope Cruz in „Offenes Geheimnis“ Foto: Prokino

Eine spanische Familie verliert sich im jüngsten Drama des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi. Javier Bardem und Penélope Cruz spielen ehemals Liebende, die sich nach langer Zeit wiedersehen.

Stuttgart - In Woody Allens Komödie „Vicky Cristina Barcelona“ schillerten Javier Bardem („No Country for old Men“) und Penélope Cruz („Volver“) 2008 als Kunstmaler-Gentleman und dessen impulsive Ex-Frau, da flogen die Fetzen und die Funken. Seit 2010 sind beide verheiratet. Darum fällt es ihnen leicht, in ihrer sechsten Kollaboration die unausgesprochene Vertrautheit ehemals Liebender herzustellen, die sich nach Jahren wiedertreffen.

Laura (Cruz) reist aus Buenos Aires zur Hochzeit ihrer Schwester in ihr spanisches Heimatdorf, wo ihre Jugendliebe Paco ­geblieben ist, nachdem sie ihm ihr geerbtes Land verkauft hat – zu günstig, glaubt der Rest der Familie, Paco hat darauf ein gut laufendes Weingut errichtet. Während der Hochzeitsfeier wird Lauras jugendliche Tochter entführt, und in der folgenden Hektik kommen immer neue familiäre ­Geheimnisse zutage im jüngsten Film des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi. Der hat mit der präzise beobachteten Beziehungsgeschichte „Nader und Simin“ (2011) den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen und den Auslands-Oscar, einen zweiten bekam er für sein komplexes Moraldrama „The Salesman“ (2016).

Bardem gibt dem zerrissenen Paco Charakter

An diese Werke reicht „Offenes Geheimnis“ nicht heran – der Plot zieht sich, die Auflösung wirkt ein wenig aufgesetzt. Farhadis Handschrift ist vor allem in der sensiblen Figurenzeichnung erkennbar, und Bardem gelingt es vorzüglich, dem zerrissenen Paco Charakter zu geben: Mit entwaffnender Freundlichkeit und einer ­ordentlichen Portion Charisma überspielt er den ihm anhaftenden Ruch des Emporkömmlings. So wirkt er wie die gute Seele einer einst aristokratischen Familie, die ihn nie ganz hereinlassen wird und in der sich mancher herrlicher geriert, als es die Realität noch hergibt. Die Cruz glänzt vor allem in der Interaktion mit Bardem, in ihrer Laura strahlt immer noch ein Rest des Glanzes der einstigen Dorfprinzessin; als vor Sorge hysterisches Muttertier dagegen ist sie unterfordert. Das trifft noch stärker auf den wunderbaren argentinischen Charakterdarsteller Ricardo Darín („In ihren Augen“) zu, er kann wenig machen aus Lauras nachreisendem Ehemann, der sich als schlimme Flasche entpuppt.

So nimmt das Unglück seinen Lauf, und die ungeheure Größe und ungeheure Tragik, die Bardem zu verkörpern vermag, entschädigen für manches. Farhadi aber könnte womöglich zu den Filmemachern ­gehören, deren Kunst sich am besten in ihrem Heimatland entfaltet.

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