Jesse Plemons, Ray Romano, Robert De Niro, Al Pacino Foto: Netflix

Digital verjüngte Schauspieler, ein Plot wie aus den 90ern und die Rückkehr des Dream-Teams aus „Goodfellas“: Hängt Martin Scorsese mit seinem Mafiathriller „The Irishman“ zu sehr an der eigenen Vergangenheit?

Stuttgart - Am Ende eines langen Ganges sitzt der ehemalige Geldeintreiber Frank Sheeran (Robert De Niro) im Rollstuhl und brabbelt vor sich hin. Von seinem Leben als Mafioso erzählt er. Von all den Frauen, die vor ihm in die Knie gingen. Von der Familie rund um Mafiaboss Russ Bufalino (Joe Pesci), für die er lieber in den Knast wanderte als sie zu verraten. Dann schwenkt die Kamera um: Am Ende seines Lebens angekommen, spricht Frank nur noch mit sich selbst.

Die erste Szene von Martin Scorseses Mafiathriller „The Irishman“ verlockt zu falschen Deutungen. Allzu leicht kann man diesen dreieinhalb Stunden langen Film als Abgesang auf Scorseses Lebenswerk interpretieren. Also wolle da ein langsam greises Genie mit 76 Jahren unbedingt noch einmal das alte Hollywood auf die Leinwand bringen – schließlich waren solche Filme zu seiner Zeit das neue, revolutionäre Ding.

Das Erfolgsduo wird digital verjüngt

Wahr ist: Scorsese bringt wohl ein letztes Mal das Erfolgsduo seiner großen Jahre zusammen: Robert De Niro und Joe Pesci, beide in ihren Siebzigern. Als Krönung des Ganzen holt er den Veteranen Al Pacino dazu. Und dann schummelt er das Trio mithilfe einer digitalen Verjüngungskur über weite Teile des Films 30 Jahre jünger. Das scheint also eine Truppe alter Männer zu sein, die vor allem eins wollen: nicht alt werden.

Allein, man würde mit dieser Deutung weder Martin Scorsese noch „The Irishman“ gerecht. Zum einen ginge verloren, dass die Erzählung über das Verschwinden des Gewerkschaftsbosses Jimmy Hoffa (Al Pacino) eine scharfsinnige Analyse jenes Moments in der amerikanischen Geschichte ist, in der die Cosa Nostra endgültig die politischen Geschicke übernahm. Dass Scorseses Film teils so detailreich und präzise erzählt ist wie eine Gangsterversion der „Buddenbrooks“. Und, dass er gekonnt die Paranoia viel zu mächtiger Ganoven offenbart.

Paramount verkaufte die Rechte an Netflix

Aber – auch das wird deutlich – „The Irishman“ ist kein knallharter, stringenter Mafiathriller à la „Casino“ mehr. Manchmal verzettelt der Film sich so sehr in Nebensächlichkeiten, dass er an erzählerischem Alzheimer zu kranken scheint. Ganz kommt man um die Frage, ob Regisseur, Erzählweise und Darsteller vielleicht doch etwas zu alt für ihre eigene Geschichte sind, nicht herum. Eine Zwickmühle? Nicht unbedingt. Denn Scorsese legt es offensiv auf die Konfrontation zweier Hollywoodgenerationen an.

Zum einen wären da die fast schon skurrilen Umstände der Produktion: 140 Millionen US-Dollar soll der Film gekostet haben. Daran ist vor allem die technische Verjüngungskur Schuld, die die Hauptdarsteller in ihre jüngeren Ichs zurückverwandelt. Längst meiden klassische Studios solche Investitionen in Filme ohne Superhelden. Scorseses Partnerstudio Paramount lehnte also ab - und verkaufte die Rechte an Netflix. Damit fand sich Scorsese mitten in einem Grabenkampf. Ab dem 27. November kann jeder Netflix-Abonnent weltweit „The Irishman“ zuhause abrufen. Zuvor – ab dem 14. November – läuft der Film zwei Wochen lang in den deutschen Kinos, in den USA startete er schon etwas früher. Viele Kinos allerdings boykottieren das Werk, weil sie auf längere exklusive Auswertung pochen. Scorsese steckt im Konflikt der Generationen, Epochen und Systeme.

Abschied an eine Zeit und ein Werk

Mit dem Gefühl, er sei mit seiner Ästhetik, seinen Figuren und Themen aus der Zeit gefallen, spielt Scorsese deutlich. Da wäre zum Beispiel der Umstand, dass die optisch verjüngten Versionen seiner Hauptfiguren zwar glatte Gesichter haben, sich aber immer noch bewegen wie Menschen Mitte 70. Vor allem die Prügel- und Gewaltszenen wirken so oftmals geradezu bizarr: Wenn der Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa kampflustig die Fäuste in die Höhe reckt, ist es nicht die schwungvolle Geste eines Mittfünfzigers. Sondern die Bewegung eines Rentners, dessen Gelenke nicht mehr so richtig mitspielen.

Dem alternden Regisseur ist jedoch keinesfalls die Wahrnehmung verrutscht. „The Irishman“ ist auch kein armseliger Fehlversuch, an Erfolge anzuknüpfen, die so heute nicht mehr zu holen wären. Der Film ist eher ein bewusster, oft anrührender Abschied von einer Zeit und einem Werk, die unwiederbringlich vorbei sind.

Alte Bekannte statt junger Wilder

Dafür spricht zum Beispiel, dass Scorsese gut eine halbe Stunde damit verbringt, Frank Sheeran über seinen Tod und sein Erbe sinnieren zu lassen. Im Pflegeheim treibt Frank die Frage um, ob nach seinem Ableben noch jemand seine Geschichten erzählen wird. Und wer bei der Beerdigung überhaupt am Grab stehen wird, nachdem seine Tochter sich über Jahre hinweg von ihm entfernt hat.

Passend dazu verweist Scorsese immer wieder aktiv auf sein filmisches Vermächtnis. „The Irishman“ ist ein Puzzle aus kleinen, versteckten Hinweisen auf große Werke wie „Mean Streets“ (1973) und „Goodfellas“ (1990). Dennoch versucht „The Irishman“ gerade nicht, die Jugendlichkeit und Schlagkraft von damals wiederzubeleben. Scorsese holt sich keine jungen Schauspieler, die das Mafia-Gehabe, das De Niro und Pesci vollendet beherrschten, ebenso druckvoll und authentisch darbieten. Er entscheidet sich stattdessen für drei Menschen, die inzwischen in fast jeder Szene leicht daneben wirken.

Trotz Cordhosen: Diese alten Männer sollte man nicht unterschätzen

Herrlich abgerundet wird das, wenn der 76-jährige Robert De Niro, der 76-jährige Joe Pesci und der 79-jährige Al Pacino in einigen Szenen ihr reales Alter unverhohlen zeigen dürfen. Zwar wirken sie in ihren beigen Cordhosen und gestreiften Sommerhemden wie putzige Touristen. Doch noch immer knallen sie in unerwarteten Momenten kaltblütig ihre Feinde ab. Unterschätzen darf man sie eben nicht, die alten Männer.

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