Kinokritik: „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ Lars Eidinger als rebellischer Künstler

Von Kathrin Horster 

Der Dichter Bertolt Brecht hat mit dem Komponisten Kurt Weill gegen moralische Missstände gekämpft. Joachim Lang setzt dieser Arbeit ein würdiges Denkmal in seinem Spielfilm „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“.

Stuttgart - „Diesen Hintern werde ich heiraten“, beschließt der Gangster Macheath (Tobias Moretti), als er die hübsche Kehrseite von Polly Peachum (Hannah Herzsprung) vor sich auf dem Gehsteig erblickt. Kurz entschlossen greift er der Dame ins Genick wie der Schlachter dem Karnickel. Auf diese Unverfrorenheit gründet nicht bloß eine Ehe, sondern das weltbekannte Musiktheaterstück „Die Dreigroschenoper“, erdacht vom Dichter Bertolt Brecht und dem Komponisten Kurt Weill, aktuell verfilmt vom Brecht-Experten und SWR-Regisseur Joachim Lang.

Die Geschichte vom Verbrecher Macheath, alias Mackie Messer, der im London des späten 19. Jahrhunderts die Tochter des Bettelmafiakönigs Jonathan Jeremiah Peachum gegen dessen Willen ehelicht und einen heftigen Streit zwischen zwei konkurrierenden Unterweltgangs provoziert, ist seit ihrer Uraufführung im Jahr 1928 nicht wegzudenken von den Bühnen. Bis zum Verbot durch die Nazis 1933 gehörte das Stück zu den erfolgreichsten in Deutschland und wurde auch in der Nachkriegszeit wieder zum Hit.

Ein kleines deutsches Kinowunder

In den letzten Jahren ist es allerdings stiller geworden um Brechts Werke. Im Theater gibt es immer häufiger dramatisierte Film- oder Romanstoffe zu sehen als genuin für die Bühne geschriebene Schauspiele. Joachim Lang widmet sich nun mit „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ nicht bloß dem Werk an sich, sondern auch der interessanten Hintergrundgeschichte um die vom Autor selbst geplante Verfilmung des Singspiels – und das kann man durchaus als kleines deutsches Kinowunder bezeichnen.

Lang erzählt, wie Brecht (Lars Eidinger) 1930 einen Pakt mit der Nero-Film AG eingeht. Die will die kolossal erfolgreiche Dreigroschenoper auf die Leinwand bringen. Doch Brechts unkonventionelle Ideen und die politische Tendenz der Vorlage gehen den Produzenten entschieden zu weit. Als Brecht ausgebootet wird, zieht er zusammen mit Kurt Weill (Robert Stadlober) vor Gericht.

Brechts Äußerungen entfalten Wucht

Lang bereitet nicht nur historische Fakten auf, sondern entwickelt ein vielschichtiges Porträt des Dichters und von dessen Ideenwelt. Lars Eidinger interpretiert Brecht als coolen Hund, der eine süffisante Attacke nach der nächsten gegen die in seinen Augen korrupte Kulturindustrie feuert. „Die Dreigroschenoper ist der Versuch, der vollkommenen Verblödung der Oper entgegenzuwirken“, ätzt er vor Presseleuten. Die Filmindustrie schimpft er „doof“ und wünscht ihr den Bankrott. Es sind authentische Äußerungen Brechts, die im Hinblick auf gegenwärtige Unterhaltungsmaschinerien noch immer Wucht entfalten, und die Lang aus Interviews, Briefen, Tagebüchern und anderen Stücken des Schriftstellers entnommen hat. Robert Stadlober als Kurt Weill bleibt daneben blass, was an der unterschiedlichen Qualität der Dialogtexte liegt. Während Brechts Sprache im Film literarisch klingt, reden die übrigen Figuren in schlichter Alltagszunge. Die dadurch entstehende Irritation bewirkt aber, dass man sehr genau hinhört, was da gesagt wird.

Die Szenen aus Brechts und Weills Kampf gegen Filmbusiness und Justiz sind virtuos verschränkt mit Impressionen aus dem Dreigroschenfilm, wie Brecht ihn sich im Entwurf „Die Beule“ ausmalte und den Lang nun fast 90 Jahre später als poppig bunten Revue-Film im Film inszeniert. In atmosphärisch ausgeleuchteten Tableaus ersteht etwa Peachums Bettelfabrik auf, eine riesige Lagerhalle mit unter der Decke aufgehängten Kostümen, mit denen sich die bei Peachum angestellten Berufsbettler in mitleiderregende Abbilder irdischen Jammers verwandeln. Die baumelnden Fetzen erinnern nicht von ungefähr an Gehängte, eine kraftvolle Metapher für Peachums (Joachim Król) böses Geschäftsmodell, individuelles Leid auf Stromlinie zu trimmen und auf diese Weise gewinnbringend zu vermarkten.

Der Dichter trat dem Verfall entgegen

Doch Brechts grimmige Vision einer rücksichtslos gierigen Gesellschaft wird durch den Aufstieg der Nazis noch übertroffen. Lang zeigt in kurzen Vignetten, wie durch das Erstarken der NSDAP das gesellschaftliche Klima im Land zunehmend nach rechts driftet. In einer Szene stürmen SS-Männer die Proben zu „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. Über historische Filmaufnahmen von der Bücherverbrennung 1933 legt Lang eine Original-Tonbandaufnahme, in der Brecht mit brüchiger Stimme ein verzweifeltes Gedicht über die neuen Zeiten in Deutschland rezitiert. Es sind beklemmende, furchtbar traurige Momente in dem sonst bitter-komischen Film, die zeigen, wie der einst schlagfertige, anarchisch freche Brecht der Katastrophe des Nazireiches nur noch mit hilfloser Fassungslosigkeit begegnen kann.

Dass Brecht aber mit seinen Mitstreitern auf humorvolle und kluge Art versucht hat, dem politischen, sozialen und kulturellen Verfall entgegenzutreten, tröstet. Umso wichtiger, dass man Brechts mutiges, zutiefst menschliches Programm in gegenwärtig wieder gefährlich rauen Zeiten neu vermittelt.

Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm. Deutschland 2018. Regie: Joachim Lang. Mit Lars Eidinger, Hannah Herzsprung, Robert Stadlober, Tobias Moretti, Joachim Król, Claudia Michelsen. 130 Minuten. Ab 6 Jahren. Atelier am Bollwerk, Metropol

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