Kinokritik: Körper und Seele Harmonierende Freaks

Von Bernd Haasis 

Alexandra Borbély und   Géza ­Morcsányi in „Körper und Seele“ Foto: Verleih
Alexandra Borbély und Géza ­Morcsányi in „Körper und Seele“ Foto: Verleih

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi erzählt eine zarte Romanze: Im Schlachthaus kommen eine Autistin und Mann mit Handicap einander näher.

Stuttgart - Wenn gegensätzliche Figuren im Film zarte Liebesbande knüpfen sollen, geht es für die Zuschauer vor ­allem um eines: Ist die Annäherung glaubhaft? Die Ungarin Ildykó Enyedi löst die Aufgabe sehr gewitzt, ihre Liebenden stehen sich vor allem selbst im Weg. Endre, der sanfte Leiter eines Schlachthauses, hat wegen eines lahmen Arms alle romantische Hoffnung aufgegeben und eine geringe Frustrationstoleranz; die gereifte Autismus-Patientin und Fleischbeschauerin Maria war wegen ihrer Berührungsangst noch nie mit einem Mann intim.

Sie lebt in einer Art pedantisch aufgeräumtem Kinderzimmer und spielt jede Begegnung mit Salzstreuern oder Playmobil-Männchen nach. Es ist ein Genuss, Alexandra Borbély dabei zuzusehen, wie sie Maria mühsam darauf trainiert, Nähe zuzulassen, wie ihr Körper Abwehr signalisiert und ihre Augen das Gegenteil. Tragische Komik beflügelt Géza ­Morcsányi, der als Einarmiger schon damit hadert, wie beschwerlich die Nahrungsaufnahme für ihn ist. Die beiden harmonieren prächtig als füreinander bestimmte Freaks.

Enyedi bindet den Schlachthaus-Alltag dramaturgisch ein und zeigt Schlaglichter aus der industriellen Tierverarbeitung, die niemanden kaltlassen können. Diese kontrastiert sie mit hyperrealistischen Traumsequenzen eines platonischen Hirsch-Paares in der Stille des heilen ungarischen Winterwaldes. Was Maria und Endre damit zu tun haben, erweist sich als Demonstration der Erzählkunst des europäischen Independentkinos. Allein dafür hat Enyedi ihren Goldenen Berlinale-Bären verdient.

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