Kinokritik: „Hereditary – Das Vermächtnis“ Bohrendes Unbehagen, schieres Entsetzen

Von Kathrin Horster 

Verstörend bizarr:   Toni Collette in „Hereditary – Das Vermächtnis“ Foto: Verleih
Verstörend bizarr: Toni Collette in „Hereditary – Das Vermächtnis“ Foto: Verleih

Horror ist nicht gleich Horror: Der Regisseur und Drehbuchautor Ari Aster, 31, legt mit seinem Famileien-Grusel ein furioses Debüt hin.

Stuttgart - Ein Puppenhaus im Querschnitt mit dunkel verwaisten Zimmerchen. Plötzlich ein kleiner Schock: In einer Dachkammer regt sich etwas, ein winziger Mann aus Fleisch und Blut tritt an das Bett am Fenster heran und weckt den darin schlummernden Jungen. Und schwupps, wächst das Jugendzimmer im Miniaturformat zur normalen Größe ­heran – willkommen bei den Grahams!

Schon die erste Einstellung in „Hereditary – Das Vermächtnis“, dem Debütspielfilm des 1987 geborenen Amerikaners Ari Aster, ist eine Wucht. Mithilfe einer zügigen Kamerafahrt und eines langsamen Zooms verwandelt Aster eine ­Marionetten-Bühnensituation in die Eins-zu-eins-Realität einer properen Mittelstandsfamilie. Die ist wie einem Bilderbuch entsprungen: Vater Steve (Gabriel Byrne), Mutter Annie (Toni Collette), Sohn Peter (Alex Wolff), Tochter Charlie (Milly Shapiro) nebst Hund. Doch „Hereditary“, was übersetzt „erblich“ bedeutet, funktioniert nicht nach den Maßstäben herkömmlicher Familiendramen. Aster, der auch das Drehbuch verfasst hat, erzählt eine komplexe Horrormär über Trauer, Schuld und Wahnsinn, nichts für Zartbesaitete, aber auch nichts für eingefleischte Fans rein blutrünstiger Schreckensszenarios.

Ein bizarres Finale

Nach dem Tod von Annies lange pflegebedürftiger Mutter macht sich innerhalb der Familie Erleichterung breit. Doch bald nagen Schuldgefühle an Annie, die, wie man erst nach und nach erfährt, schon als Kind eine gebrochene Beziehung zur Mutter hatte. Nur Charlie, ein etwas seltsames Kind, vermisst die Oma. Während Annie sich heimlich zu Sitzungen einer Trauer-Selbsthilfegruppe fortstiehlt und Steve und Peter ihren gewohnten Alltag zu leben versuchen, nimmt Charlie in Gedanken Kontakt zur Großmutter auf.

Das Besondere an „Hereditary“ liegt in der virtuosen Kombination von Motiven und Stimmungen, die sich sonst nicht ohne Weiteres unter dem Horror-Genre-Etikett vermarkten lassen. Es ist atemberaubend, wie Aster die Katastrophe der Grahams nach den Regeln einer klassischen Tragödie anbahnt und durch zunächst nur winzige atmosphärische Verschiebungen ein subtil bohrendes Unbehagen erzeugt. Dieses Unbehagen steigert sich über die Szenen hinweg zum schieren Entsetzen. Das deutungsoffene, verstörend bizarre ­Finale wirkt lange nach.

Ari Aster hatte Glück

„Hereditary“ ist ein hinreißender, emotionaler und mutiger Horrorfilm, gerade weil er die Genregrenzen oft ignoriert. ­Allerdings haben es solche Projekte nicht leicht im lauten Getümmel des Kinomarkts. Filmemacher und Produzenten brauchen Mumm, um auch riskant verschrobenen Stoffen eine Chance zu geben. Ari Aster hatte Glück, seit 2012 versucht die US-Produktionsfirma A24 ein erwachsenes Publikum für eigenwillige Genremischungen zu begeistern. Zum Portfolio ­gehören kantige Stücke wie die surreale Liebes-Farce „The Lobster“ (2016), die Nekromantik-Komödie „Swiss Army Man“ (2016), das Trauermelodram „A Ghost Story“ (2017), der Science-Fiction-Erotikthriller „Under the Skin“ (2014) und die Familientragödie „The Killing of a sacred Deer“ (2017). Dass Aster nun mit „Hereditary“ diese Liste bereichert, macht neugierig auf die Zukunft – sowohl auf die von A24 als auch auf die des Filmemachers.

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