Kinokritik: Haus ohne Dach Migranten auf Identitätssuche im Irak

Von Sabine Fischer 

Ungleiche Geschwister: Mina Özlem Sagdic, Murat Seven und Sasun Sayan (von links) in „Haus ohne Dach Foto: Verleih
Ungleiche Geschwister: Mina Özlem Sagdic, Murat Seven und Sasun Sayan (von links) in „Haus ohne Dach Foto: Verleih

Von der Identitätssuche, die viele Migrantenkinder beschäftigt, handelt Soleen Yusefs Familiendrama. Die Absolventin der Ludwigsburger Filmakademie schickt drei Geschwister aus Berlin in den Irak, wo sie sich mit ihren Wurzeln auseinandersetzen müssen.

Stuttgart - Und plötzlich fallen Bomben auf das Erdbeerfeld. Gerade noch greift der Junge mit den dunklen Haaren in Richtung Boden, dann hält er inne und schaut einer vorbeirasenden Drohne hinterher, die kaum einen Kilometer weiter krachend explodiert. Es sind die letzten Tage des Irakkriegs.

Aus der sicheren Entfernung ihrer Berliner Zwei-Zimmer-Wohnung sehen auch die Geschwister Jan, Liya und Alan das Regime Saddam Husseins fallen. Undeutlich flimmern die ikonischen Bilder des in Stein gehauenen Diktators, der von einer euphorischen Menge zu Boden gerissen wird, durch das Sitzecke-und-Spitzendeckchen-Wohnzimmer der kurdischen Migrantenfamilie. Mit ausdrucksloser Miene beobachten die Geschwister die Berichterstattung im Fernsehen. Ihre Mutter hingegen bricht vor Freude weinend zusammen.

Zehrende Identitätssuche

Es ist ein Sinnbild für den Alltag vieler junger Migranten in Deutschland, das durch die Reaktionen der Film-Familie deutlich wird: Was für die Eltern noch Heimat ist, wirkt für die Kinder schon seltsam sperrig und fremd. Die Tragödien, die sich dort in der Ferne abspielen, berühren sie kaum mehr. Denn eigentlich gehören sie doch nach Deutschland. Oder? Im Zwiespalt zwischen Hier und Dort bleibt die Frage, wo genau ihr Zuhause denn jetzt eigentlich sein soll, für viele oft verwirrend unklar.

In ihrem Familiendrama „Haus ohne Dach“ erzählt die kurdisch-deutsche Regisseurin Soleen Yusef, Absolventin der Filmakademie Ludwigsburg, nun eindrucksvoll von der zehrenden Identitätssuche ihrer Generation – und das mit klarer Erzählstimme und scharfem Blick für die inneren Kämpfe ihrer Figuren.

Während der Bürgerkrieg im Nahen Osten ihre Mutter nämlich auch fern abseits der eigentlichen Kriegsschauplätze verfolgt, ist die vorglobalisierte Welt ihrer Eltern für Liya, Alan und Jan – aufgewachsen im mondänen Berlin – nur noch vererbte Geschichte.

Zwischen Tradition und Exzess

Eigentlich sind Yusefs Protagonisten nämlich geradezu prototypische Vertreter der Generation Y: Die schöne Liya singt sich mit Vögleinstimme und Selbstverwirklichungsdrang durch die Bars der Hauptstadt, ihr Bruder Alan lässt sich ziel- und planlos durch die Großstadtnächte treiben und feiert den Exzess. Einzig der Älteste fällt aus dem Raster: Jan hält an den strengen Traditionen seiner aus dem kurdischen Teil des Iraks stammenden Familie fest und plant mit seiner Frau Kind, Haus und Zukunft in der Fremde.

Während all das auf den ersten Blick wie die obligatorischen Stellungskriege einer modernen Familie wirkt, offenbart Yusef hier jedoch gleich zu Beginn einen viel tieferen Konflikt: Die ungleichen Geschwister personalisieren auf clevere Art und Weise verschiedene Stadien der Identitätssuche, der sich so viele Migrantenkinder gegenüber sehen: Liya, die Angepasste. Alan, der Verlorene. Jan, der Traditionsbewusste. Drei Menschen, drei Strategien, um mit der Frage umzugehen, wer genau man eigentlich ist. Und die versucht Yusef zu beantworten, indem sie die drei Lebenswelten mit großem Wumms aufeinander prallen lässt.

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