Die Ökoaktivistin wird schnell zur Gejagten: Halla (Halldóra Geirhardsdóttir) auf ihrem Kreuzzug gegen den menschlichen Irrsinn Foto: Verleih

Eine Musiklehrerin wird zur Umweltaktivistin und sabotiert Stromleitungen. An ihrem Beispiel fragt der Regisseur Benedikt Erlingsson, ob und wann bürgerlicher Ungehorsam legitim ist.

Stuttgart - Mit Pfeil und Bogen zieht Halla los, um in der isländischen Pampa, wo kaum jemand hinkommt, die Hochspannungsleitung zu sabotieren – und man ahnt, was für ein gefährliches Unterfangen das ist, wenn die Funken stieben und die Stahlkabel peitschen. Aus Hallas Sicht wird die Politik ihrer Verantwortung nicht gerecht, weil sie die energie­intensive Aluminiumindustrie umwirbt, die die natürlichen Lebensgrundlagen bedroht. Also nimmt sie als einsame Kriegerin die Dinge selbst in die Hand.

Der Isländer Benedikt Erlingsson („Von Menschen und Pferden“) stürzt sich in eine alte menschliche Grundfrage: Was tun, wenn die Politik zu versagen scheint? Ist erlaubt, was der US-Philosoph Henry David Thoreau 1849 in seinem berühmten Essay „Civil Disobedience“ („Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“) beschrieb? Er weigerte sich aus Protest gegen den Krieg der USA gegen Mexiko und die Sklavenhaltung, Steuern zu zahlen.

Halla ist unnachgiebig in ihrer Rebellion

Erlingsson gibt keine Antwort, sondern überträgt die fundamentale Gewissensfrage den Zuschauern. Das funktioniert ganz hervorragend, denn Halla ist im normalen Leben keine Radikale, sondern eine beliebte Musiklehrerin mittleren Alters, die einen sympathischen Chor respektabler Bürger leitet und ein Kind adoptieren möchte. Der Schauspielerin Halldóra Geirhardsdóttir gelingt es unaufgeregt und glaubwürdig, aus dieser Frau eine gespaltene Persönlichkeit zu machen: sanft im täglichen Umgang, fokussiert und unnachgiebig in ihrer Rebellion. Im Chor singt ein Politiker, den sie unter Druck setzt, und beharrlich versucht sie, ihre esoterische Zwillingsschwester in die Pflicht zu nehmen.

Hallas Tun erscheint zunächst wie ein Robin-Hood-Abenteuer, doch Erlingsson romantisiert nicht: Bald jagen Drohnen die Aktivistin, die erheblichen Schaden anrichtet, und sie erweist sich als wehrhaft. Später aber kommen Hubschrauber-Patrouillen dazu. Prächtig wirkt die isländische Landschaft als Sinnbild für eine intakte Natur, doch sie bietet in ihrer Baumlosigkeit wenig Verstecke für Rebellen. Mehr als einmal entkommt Halla nur um Haaresbreite, und sie findet einen Verbündeten in einem Bauern, der seine eigenen Anliegen hat; was die beiden verbindet, ist eine generelle Unzufriedenheit.

Man kann sich ihrem Anliegen kaum entziehen

Damit greift der Film das aktuelle Phänomen auf, dass immer mehr Bürger der repräsentativen Demokratie misstrauen und ein Ohnmachtsgefühl gegenüber Eliten empfinden, die sie als abgehoben wahrnehmen. In Europa hat das zu einer Krise der Union geführt: Protestwähler haben den Brexit herbeigeführt, in Ungarn und Polen Demokratiefeinde an die Macht gebracht und in Italien Populisten, die das Land zu ruinieren drohen. Die Gelbwesten in Frankreich, ein inhomogener Zusammenschluss Unleidiger, hat jüngst am Arc de Triomphe in Paris der Marianne, dem Symbol der französischen Republik, das Gesicht eingeschlagen – aus Protest gegen die gefühlt ­ungerechte Politik des Staatspräsidenten Emmanuel Macron.

Um Anpassung und Widerstand geht es Erlingsson, um Verantwortung und Gesinnung. Er gibt seiner streitbaren Heldin, die alles riskiert, Musik mit ins Bild: Entscheidende Situationen, ob in der Wildnis oder in Hallas Wohnzimmer, untermalt mal eine Band – Tuba, Akkordeon, Schlagzeug –, mal ein ukrainischer Frauenchor in Tracht. Da wird der Film zur Kunst.

Schließlich verfasst die Aktivistin ein Manifest und lässt Flugblätter regnen, und ihr sehr grundsätzliches Anliegen ist klug genug formuliert, dass man sich ihm mit gesundem Menschenverstand nur schwer entziehen kann – die Balance zwischen Profit und Bewahrung der Schöpfung scheint ja wirklich aus dem Lot geraten zu sein angesichts des Klimawandels, des Insektensterbens und der Mikroplastik-Plage. „Gegen den Strom“ ist ein Film über Wut und Mut, über Verzweiflung und Hoffnung, über Lethargie und Tun – und so relevant, dass man ihm sein versöhnliches Ende gönnt, zu dem er auf sehr abenteuerliche Weise gelangt.

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