Die Regisseurin Anne Zohra Berrached hat an der Filmakademie Ludwigsburg studiert. Foto: dpa/dpa

Die ersten beiden Filme von Anne Zohra Berrached, Absolventin der Ludwigsburger Filmakademie, erhielten Preise. Ihr neuer Spielfilm „Die Welt wird eine andere sein“ zeichnet die Ehe eines späteren Massenmörders aus Sicht von dessen Frau nach.

Stuttgart - Geschieht ein Verbrechen, kommt sofort die Frage nach dem Warum auf. Deshalb versuchen auch Filmemacher immer wieder, den Hintergründen von spektakulär brutalen Taten auf den Grund zu gehen. Sie leisten damit auch eine kulturelle Form der Verarbeitung unberechenbarer Gewalt. Im fiktiven Rahmen ist das unbedenklich, sobald es aber um reale Fälle aus der unmittelbaren Vergangenheit geht, wird es heikel, weil dann auch Persönlichkeitsrechte im Spiel sind, es um Pietät gegenüber Angehörigen sowohl der Opfer als auch der Täter geht.

 

Realer Hintergrund

Die deutsche Filmemacherin Anne Zohra Berrached, ausgebildet an der Filmakademie in Ludwigsburg, hat sich als realen Hintergrund für ihren dritten Spielfilm „Die Welt wird eine andere sein“ ein besonders emotional aufgeladenes Ereignis ausgesucht. Sie beleuchtet aber kaum die konkrete Tat, die am Ende ihrer Erzählung steht. Stattdessen widmet sie sich dem langen, mehrere Jahre umfassenden Vorlauf, den sie in fünf Kapiteln und aus ungewöhnlicher, fiktionalisierter Perspektive schildert.

Heimliche junge Liebe

Mitte der neunziger Jahre studiert die Deutsch-Türkin Asli (Canan Kir) Medizin, als sie Saeed (Roger Azar) aus dem Libanon kennenlernt. Der studiert nach dem Wunsch der wohlhabenden Eltern Zahnmedizin in Deutschland, träumt aber insgeheim von einer Karriere als Pilot. Asli ist schüchtern und wurde etwas konservativer erzogen als der selbstbewusste Saeed, der gerne Alkohol trinkt und sich ohne Scham vor Asli nackt in den Badesee stürzt. Die sich anbahnende Beziehung muss die junge Erwachsene vor ihrer Mutter Zeynep (Özay Fencht) geheim halten, weil sie Vorurteile gegen arabische Muslime hegt. Als Zeynep die Liebe der beiden doch entdeckt, kommt es zum Bruch. Asli heiratet Saeed heimlich in einer Hamburger Moschee, ungeachtet der Tatsache, dass sich ihr sanfter, weltoffener Freund schon in den Wochen vor der Heirat zu verändern beginnt.

Unerklärtes Rätsel

In alltäglichen Szenen entwickelt Anne Zohra Berrached die wild romantische Beziehung aus Sicht der unerfahrenen, erstaunlich naiven Asli. Als Tochter einer liebevollen, aber strengen Mutter respektiert Asli traditionellere Wertvorstellungen, ohne unter ihnen zu leiden. Erst Saeed fordert von ihr ein, sich gegen das Normverständnis der Eltern aufzulehnen. Warum ausgerechnet Saeed kurze Zeit später einen viel rigoroseren Moralkodex entwickeln wird und damit auch die eigene säkular eingestellte Familie im Libanon entsetzt, bleibt ein von Berrached unerklärtes Rätsel.

Saeed verändert sich

Sie fokussiert stattdessen auf den zunehmend schwierigen Umgang des Paars, erzählt, wie Saeed ohne ein Wort der Erklärung wochenlang verschwindet und verändert zu Asli zurückkehrt. Wie er sich einen Bart wachsen lässt und gegenüber deutschen Freunden israelfeindliche Äußerungen von sich gibt. Im Kontrast dazu beginnt Asli zu rauchen, sich trotzig mit deutschen Kollegen zu treffen und offensiv mit Saeed zu streiten, wenn der auf Fragen zu seiner Abwesenheit einsilbig bleibt.

Gefangen in einer Amour Fou

Konsequenzen zieht Asli jedoch nie. Berrached beschreibt sie als nur oberflächlich emanzipierte Abhängige eines Mannes, der ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer eigene Pläne verfolgt. Wo Aslis ungesunde Faszination für Saeed wurzelt, kann der Film ebenfalls nicht erklären, man muss hinnehmen, dass beide auf sehr unterschiedliche Weise in einer Amour Fou gefangen sind.

Eine allgemeingültige Geschichte

Das mag frustrierend sein, zugleich ist es fair, weil der Film keine Antworten zu formulieren versucht, die es wohl auch in der Realität nie gegeben hat. Allerdings ist es am besten, man weiß vorm Kinobesuch nicht, in welches Verbrechen die Figur Saeed später verwickelt ist. Die Geschichte von Asli und Saeed besitzt über das historische Ereignis am Ende ihrer Beziehung hinaus eine gewisse Allgemeingültigkeit, weil Berrached den Prozess einer allmählichen Entfremdung nachvollzieht. Die ist zwar in dieser Erzählung an typische Probleme von Muslimen im Zwiespalt zweier Kulturen geknüpft, könnte so ähnlich jedoch auch Paare in völlig anderen Zusammenhängen betreffen.

Liebevoller Ehemann

Saeed ist dann auch nicht das gewissenlose Monster und personifizierte Böse, sondern aus Aslis Sicht bei aller Verbohrtheit in Momenten ein liebevoller Ehemann, dann wieder ein halbes Kind, das sich den Traum vom Fliegen erfüllen will und sich trotz seines immer strengeren Glaubens einen Sportwagen zulegt. So jemand kann zum Mörder werden und selbst nächste Angehörige können das übersehen – das ist keine neue Erkenntnis, aber sie trifft hart, nicht nur Asli.

Die Welt wird eine andere sein. Deutschland, Frankreich 2021. Regie: Anne Zohra Berrached. Mit Canan Kir, Roger Azar, Özay Fecht. 119 Minuten. Ab 12 Jahren.

Preise und Berlinale-Nominierung

Regisseurin
Anne Zohra Berrached, Jahrgang 1982, wurde als Tochter einer Deutschen und eines algerischen Gastarbeiters in Erfurt geboren. Zum Film kam sie, nachdem sie einige Jahre im Ausland als Theaterpädagogin gearbeitet hatte. 2009 begann sie ihr Studium an der Filmakademie Ludwigsburg. Ihre ersten Spielfilme „Zwei Mütter“( 2013) und „24 Wochen“ (2016) über einen späten Schwangerschaftsabbruch erhielten Preise, auch bei der Berlinale 2021 war Berracheds neuestes Werk in einer Kategorie nominiert.

Schauspieler
Die Theaterschauspielerin Canan Kir wuchs in Heidelberg auf. 2014 war sie in Oliver Haffners Kinokomödie „Ein Geschenk der Götter“ zu sehen. 2016 spielte sie in einer Folge der „SOKO Leipzig“. Roger Azar stammt aus dem Libanon und wurde in einem aufwendigen Casting als Darsteller des Saeed entdeckt. Ein Jahr vor Beginn der Dreharbeiten zog Azar nach Berlin, um die Sprache zu lernen. Seine Familie wohnte in Beirut in der Nähe von Ziad Jarrah, der historischen Persönlichkeit hinter der Figur Saeed im Film.