Friederike Becht (links) und Frida-Lovisa Hamann in „Die Vierhändige“ Foto: Verleih

Oliver Kienle hat ein Drama um zwei Schwestern inszeniert, die mit ihrer Vergangenheit kämpfen. In den guten Momenten ist das packend, aber der Film hängt ein wenig zwischen den Genres.

Stuttgart - Das Licht flackert, ein Rumpeln, ein Schrei. Panisch presst die sechsjährige Jessica ihrer kleinen Schwester Sophie die Hände auf Augen und Ohren. Zusammengekauert liegen die Mädchen hinter einem Sessel, während vermummte Einbrecher durch ihr Vorstadtzuhause wüten und schließlich die wehrlosen Eltern erstechen. Mit aufgerissenen Augen starrt Jessica auf die Blutlache, die sich vor ihr ausbreitet. Kann man einen Weg in die Normalität finden, wenn man als Kind solche Grausamkeit erlebt hat? Dieser Frage geht Oliver Kienle, Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie, in seinem eindringliches Drama „Die Vierhändige“ auf oft erschütternd direkte Art und Weise nach.

Die Schwestern leben seit dem Vorfall in einem chronisch ungesunden Abhängigkeitsverhältnis, beide hadern auf ihre Weise mit den Folgen des Verbrechens. Während Sophie als angehende Pianistin ihren Weg zurück in die Welt sucht, ist Jessica geradezu besessen davon, ihre Schwester vor potenziellen Gefahren zu schützen. Doch gerade ihr Rettungsdrang mündet schließlich in die Katastrophe – und Jessica lässt Sophie mit der Frage zurück, wer sie denn jetzt eigentlich noch ist, so ganz alleine.

Der Film erkundet die krankhafte Koexistenz zweier Menschen

Kienles in Bad Cannstatt gedrehtes Drama wird zum erschreckend eindringlichen Psychogramm einer traumatisierten Seele, die aus Versehen erwachsen geworden ist und nun im Körper einer verlorenen Mittzwanzigerin gegen die Gespenster der Vergangenheit ankämpft. Es erkundet auch die krankhafte Koexistenz zweier Menschen, die durch das gemeinsam erlebte Grauen untrennbar miteinander verbunden scheinen. Denn während Sophie die Trauer um ihre Schwester langsam zu verarbeiten beginnt, entdeckt sie immer mehr Züge der anderen an sich – bis sie letztendlich nicht mehr sicher ist, wie viel ihres Körpers noch ihr selbst ­gehört.

Kienle („Bis aufs Blut“) inszeniert die manische Selbstentfremdung seiner Protagonistin in kalten, dunklen Bildern, in denen sich Frieda-Lovisa Hamann als Sophie eindrücklich durch die inneren Verletzungen ihrer Figur quält. Doch während all das in den besten Momenten des Dramas durchaus packend ist, kann sich Kienle dennoch nicht so richtig entscheiden, in welchem Tonfall er seine tiefenpsychologische Albtraumstudie erzählen will: Mal legt er schaurige Horrorfilmromantik über die Szenen, mal reiht er actiongeladene Thrillersequenzen aneinander, mal kehrt er sprunghaft wieder zu seiner anfänglichen, fast schon schüchternen Personenstudie zurück. Bei dieser atmosphärischen Wankelmütigkeit die Balance zwischen Effekthascherei und menschlicher Tiefe zu behalten, fällt ihm so leider sichtlich schwer.

Die Vierhändige. Regie: Oliver Kienle. Deutschland 2016. Mit Frieda-Lovisa Hamann, Friederike Becht. 94 Minuten. Ab 16 Jahren.

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