Ein Ringen um die richtige Entscheidung: Tom Hanks als Chefredakteur mit Meryl Streep als Verlegerin Foto: Verleih

Meryl Streep brilliert als Eigentümerin der „Washington Post“, die mit der Politik verstrickt ist und trotzdem die Wahrheit über den Vietnam-Krieg druckt. Steven Spielberg macht in seinem Drama spürbar, welch hohes Gut die Pressefreiheit ist.

Stuttgart - Mehrfach hat die „Washington Post“ den US-Politikbetrieb erschüttert. Ihre Berichterstattung über die Watergate-Affäre führte 1974 zum Rücktritt des Präsidenten Richard ­Nixon. Die Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein hatten akribisch aufgedeckt, dass die republikanische Partei die demokratische Konkurrenz abhörte – auf Befehl von oben. Alan J. Pakula hat den Stoff mit Robert Redford und Dustin Hoffman verfilmt in „Die Unbestechlichen“ (1976).

Watergate vorausgegangen war eine nicht minder folgenschwere Enthüllung: Die Veröffentlichung der sogenannten „Pentagon-Papiere“ im Jahr 1971 offenbarte, dass die amerikanische Öffentlichkeit von Eisenhower bis Nixon systematisch getäuscht worden war über die Ziele und das Ausmaß des Engagements der USA im Vietnamkrieg. Der Verteidigungsminister Robert McNamara hatte 1967 begonnen, die Fakten zu dokumentieren. Diese Papiere spielte ein Whistleblower der „New York Times“ zu , die Auszüge druckte. Die Regierung erwirkte ein Veröffentlichungsverbot. Katharine Graham, Erbin der „Washington Post“ und die erste weibliche Verlegerin einer großen Tageszeitung, entschied dann auf Drängen ihres Chefredakteurs Ben Bradlee und gegen ihre Berater, die Informationspflicht über die Geheimhaltung zu stellen. Sie riskierte alles – und der Oberste Gerichtshof gab ihr kurz darauf Recht.

Nuanciert und präzise gestaltet Meryl Streep die Wandlung ihrer Figur

Diesen Sieg einer mutigen Frau für die Pressefreiheit zelebriert nun Steven Spielberg, und seine Dramaturgie ist darauf angelegt, die zunächst als Randfigur erscheinende Katharine Graham zunehmend ins Zentrum zu rücken und ihr Ringen auszuleuchten. Nuanciert und präzise gestaltet Meryl Streep den schweren Lernprozess ihrer Figur: Von der allseits beliebten Gastgeberin für die Washingtoner High Society, die sich heraushält, wandelt Graham sich zu einer Frau, die sich ihres Einflusses bewusst wird und staatsbürgerliche Verantwortung übernimmt.

Entscheidend ist dabei das Verhältnis von Journalismus und Politik. Wo man sich ständig begegnet, lernt man einander kennen und mitunter schätzen. Graham etwa ist mit McNamara (Bruce Greenwood) gut befreundet, über dessen Karriere sie nun entscheidet. Tom Hanks agiert souverän als Chefredakteur Bradlee, der damit ­hadert, wie nah er dem Präsidenten John F. Kennedy einst war – und wie unkritisch. Umso konsequenter treibt er nun die ­Recherche voran, in der Bob Odenkirk („Better Call Saul“) als couragierter Reporter heraussticht.

Noch heute wird hier der Paradigmenwechsel sichtbar, der sich Mitte der siebziger Jahre im US-Filmgeschäft vollzogen hat. Zu den „Unbestechlichen“ des deutschen Titels gehörte nämlich auch der Regisseur selbst, nüchtern bildete Pakula den Watergate-Skandal im kritischen Stil der New-Hollywood-Ära ab. Als der Film ­erschien, hatte Spielberg mit dem „Weißen Hai“ (1975) den Fokus aber bereits verschoben: Bald herrschte wieder die bildmächtige Überwältigung des Publikums über die Inhalte. Denn so politisch viele seiner Filme („Schindlers Liste“, „Die Farbe Lila“, „Amistad“) waren und sind, Spielberg ist ein Mann der Wirkung. Wenn bei ihm die Rotationsmaschinen rattern und die Pressefreiheit strahlt, sind – anders als bei ­Pakula – alle Widerstände vergessen. Grahams Vorbildfunktion als starke Frau ist da kaum mehr als ein rührender Hingucker: Als sie aus dem Gericht tritt, himmeln ein paar Geschlechtsgenossinnen sie an.

Spielbergs Film nimmt Journalisten und Medienhäuser in die Pflicht

Spielbergs Verdienst ist es indes, dass er emotional spürbar macht, welch hohes Gut die Pressefreiheit ist. Nur gut informierte Bürger können sich eine substanzielle Meinung bilden und demokratische Rechte wahrnehmen. Mehr denn je gilt das in Zeiten von Fake News, in denen immer mehr Menschen sich auf soziale Netzwerke verlassen und dort geäußerte Vorurteile mit Tatsachen verwechseln.

Zugleich nimmt Spielbergs Film Journalisten und Medienhäuser in die Pflicht, ihrer konstitutionell verbrieften Freiheit gerecht zu werden, sich nicht gemein zu machen mit den Mächtigen und ihren Projekten, wenn berechtigte Zweifel bestehen. In den USA gibt es dafür viele Beispiele: Nach 9/11 unterstützten viele US-Medien mit patriotischem Hurra George W. Bushs Irak-Feldzug, doch die Existenz jener Massenvernichtungswaffen, die als Kriegsgrund diente, entpuppte sich als Lüge.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: