Elastigirl alias Helen Parr soll die Ehre der Superhelden wieder herstellen. Sie muss all ihre Biegsamkeit aufbieten, um das Böse zu stoppen. Foto: Verleih

Brad Bird setzt im zweiten Teil seiner animierten Superhelden-Persiflage nahtlos dort an, wo er 2004 aufgehört hat. Der heimliche Star zwischen medialer Manipulation und komödiantischem Familienalltag ist das Super-Baby Jack-Jack.

Stuttgart - Der Screenslaver geht um – und was für ein Bösewicht könnte besser ins Zeitalter exzessiver Handynutzung passen als einer, der die Menschen mittels hypnotischer Symbole auf Monitoren und Displays kontrolliert? Solche assoziativen Anspielungen sind ein Markenzeichen des Animationsstudios Pixar, das in „Wall-E“ (2008) den verantwortungslosen Umgang der Menschheit mit der Erde parodiert hat und in „Toy Story 3“ (2010) eine Spielzeug-Diktatur samt Krematorium.

Den Screenslaver schnappt die Superheldin Elastigirl alias Helen Parr, die ein Unternehmer zum Gesicht einer Kampagne erkoren hat, mit der die Superhelden ­rehabilitiert werden sollen – nachdem sie zuvor den Tunnelgräber zwar gestellt, ­dabei aber eine Schneise der Verwüstung hinterlassen haben. Und anders als der vor Kraft strotzende Mr. Incredible alias Bob Parr neigt das superbiegsame Elastigirl ­dazu, wenig kaputt zu machen.

Das Super-Baby ist außer Kontrolle

Nach Realspielfilmen wie dem Thriller „Mission: Impossible 4“ (2011) und dem Fantasy-Abenteuer „A World beyond“ (2015) knüpft der Regisseur Brad Bird nahtlos da an, wo er 2004 mit seiner Superhelden-Persiflage „Die Unglaublichen“ aufgehört hat – und seine Schöpfung ist inhaltlich wie visuell zeitlos geblieben. Zwei dramaturgische Stränge verfolgt er: Zum einen war der Screenslaver allzu leicht zu erwischen und entpuppt sich als Pizzabote, der sich an nichts erinnert. Zum anderen leidet Mr. Incredible daran, dass seine Frau den Ruhm einsackt, während er die Kinder versorgt und den Haushalt macht. Der ­hypnotische Terror geht bald munter weiter, während die Teenagerin Violetta Parr, die sich unsichtbar machen kann, Liebeskummer hat, ihr superschneller kleiner Bruder Dash in Mathematik durchhängt und das Baby Jack-Jack gleich ein ganzes Füllhorn an Superkräften offenbart, die kaum zu kontrollieren sind.

Der Kleine kann zum Teufelchen werden, durch Wände gleiten und in Flammen aufgehen, wenn ihm etwas nicht passt. Zwischendurch verschwindet er in eine andere Dimension, er existiert dann überall und nirgends, und wenn ihm nach Quatsch ­zumute ist, vervielfacht er sich in immer neue Jack-Jacks. Unter all den fantastischen Figuren, die Pixar schon erschaffen hat – den Cowboy Woody und den Astronauten Buzz Lightyear in „Toy Story“ oder Sully und Mike in „Die Monster AG“ – ist Jack-Jack eine besonders erfreuliche.

Der Rollenkonflikt wirkt ein wenig überholt

Allein wegen ihm lohnt es sich, diesen Film anzuschauen, dessen Plot eher durchsichtig ist: Krimifreunde ahnen schnell, wer hinter dem Screenslaver steckt, der bald auch Superhelden versklavt. Die Familiengeschichte und ihre Beziehungen sind da deutlich komplexer und sehr nah am realen Alltag, wobei der Konflikt um die Karrierefrau und den Hausmann, so facettenreich er hier ausgespielt sein mag, im Jahr 2018 doch ein wenig überholt anmutet.

Auf der Höhe der Zeit ist die Image-Kampagne für die Superhelden: Elastigirl trägt eine Kamera am Körper, ihr Tun wird transparent fürs Publikum, das sieht, dass sie mitnichten absichtlich oder unachtsam den öffentlichen Raum demoliert. Vielmehr wird offenbar, dass sie ihre ganze Biegsamkeit einsetzen muss, um etwa einen außer Kontrolle geratenen Zug zu stoppen und die Insassen zu retten.

Neue Superhelden-Typen setzen Akzente

Bald ist auch der Rest der Familie mit seinen Fähigkeiten gefragt, der Eismacher Frozone hilft kräftig mit im Kampf gegen das Böse, und die scharfzüngige Edna, Schöpferin von Superheldenmode, weiß Rat für den Umgang mit Jack-Jack. Einige neue Superhelden-Typen setzen Akzente, darunter die neurotische Elastigirl-Verehrerin Voyd, die Wurmlöcher erzeugen und damit Verwirrung anrichten kann.

Eine erfreuliche Konstante ist der ­Orchester-Jazz von Michael Giacchino, der den Thriller-Sound der 60er so gekonnt parodiert wie der Film das Superheldentum. Der Komponist betrat mit den „Unglaublichen“ die Bühne, bekam für den Pixar-Film „Oben“ (2009) einen Oscar und erweist sich mit einem dramatischen Score erneut als würdiger Nachfolger von Vorbildern wie Lalo Schifrin („Mission Impossible“).

Nur einer Handvoll Filme aus der Traumfabrik ist es in diesem Jahr gelungen, die ganz große Illusion zu erzeugen; „Die Unglaublichen 2“ ist einer davon.

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