Kinokritik: Die Farbe des Horizonts Ein Segeltörn wird zum Albtraum

Von Wolfram Hannemann 

Es knistert nicht:  Sam Claflin, Shailene Woodley als Liebende Foto: Verleih
Es knistert nicht: Sam Claflin, Shailene Woodley als Liebende Foto: Verleih

Ein Paar gerät auf hoher See in einen Sturm, doch zwischen den angeblich Liebenden fehlt es an der richtigen Chemie.

Stuttgart - Sie ist eine freiheitsliebende und abenteuerlustige Gelegenheitsjobberin, er ein erfahrener Segler mit selbst gebautem Boot. 1983 lernen sich die Amerikanerin Tami und der Engländer Richard auf Tahiti kennen – und verlieben sich ineinander. Als Richard das verlockende Angebot erhält, die Segeljacht eines befreundeten Paars gegen ein fettes Honorar von Tahiti nach San Diego zu überführen, fackelt er nicht lange und schlägt ein. Gemeinsam mit Tami soll der Segeltörn an Bord des Luxuskahns zu einem romantischen Abenteuer werden. Was sich anfangs noch als wahrhaftige Traumreise darstellt, wird bald schon zum Albtraum: Ein heftiger Hurrikan erfasst das Boot. Richard wird über Bord geschleudert, Tami verliert in der Kabine das Bewusstsein.

Filme über das Scheitern auf hoher See haben im Kino eine lange Tradition. James Camerons fulminanter Erfolg „Titanic“ (1997) gehört ebenso dazu wie Wolfgang Petersens „Der Sturm“ (2000). In jüngerer Zeit haben sich gleich drei Filme des Themas angenommen. 2013 war es Robert Redford, der sich in „All is lost – Überleben ist alles“ als einsamer Segler den Urgewalten stellen musste. Anfang des Jahres folgte ihm Colin Firth mit „Das Meer vor uns“, in dem auch er sich mutterseelenallein einem mörderischen Sturm ausgesetzt sah. In „Die Farbe des Horizonts“ sind es nun Shailene Woodley und Sam Claflin, die gemeinsam gegen Wind und Wellen bestehen müssen. Wie schon „Das Meer vor uns“, beruht auch die Höllentour von Tami und Richard auf einer wahren Geschichte, was der Dramatik des Stoffs natürlich eine ganz besondere Brisanz verleiht.

Der Film steuert nicht konsequent auf einen Höhepunkt zu

Trotzdem gelingt es dem aus Island stammenden Regisseur Baltasar Kormákur nicht, die Zuschauer emotional zu fesseln – ein Problem, das bereits seinen Blockbuster „Everest“ von 2015 hemmte. Hier liegt es zum großen Teil daran, dass die Liebesgeschichte zwischen den beiden Protagonisten nicht authentisch wirkt, sondern eher wie ein Drehbuchkonstrukt. Zwischen Woodley und Claflin stimmt die Chemie nicht, man hört es nicht knistern. Zum anderen hat sich Kormákur für eine Inszenierung entschieden, die nicht konsequent auf einen Höhepunkt zusteuert, sondern ständig hin- und her pendelt zwischen dem Kennenlernen der Liebenden und ihrem Überlebenskampf auf offener See. Ein echter Spannungsbogen will sich damit erst gar nicht einstellen.

Das ist umso bedauerlicher, da die technischen Werte in Kormákurs Film überzeugen. So liefert Robert Richardson, der schon bei Regisseuren wie Quentin Tarantino, Oliver Stone und Martin Scorsese an der Kamera stand, ästhetisch grandiose ­Cinemascope-Bilder, die dem deutschen Verleihtitel alle Ehre machen (im Original heißt der Film „Adrift“, was man mit „treibend“ übersetzen würde). Ganz zu schweigen von den visuellen Effekten, mit deren Hilfe der Mördersturm extrem realistisch ausgestaltet wird.

Dass Kormákur weitaus mehr kann, als er jetzt zeigt, hat er unter anderem 2017 mit dem isländischen Thriller „Der Eid“ unter Beweis gestellt.

Lesen Sie jetzt