Prinzipielle Muster eines großen Konflkikts im ganz Kleinen: Adel Karam Foto: Verleih

Vor 28 Jahren endete der Bürgerkrieg im Libanon, doch die Folgen wirken bis in die Gegenwart. Ziad Doueiri, der als junger Mann aus seinem Heimatland in die USA floh, arbeitet den Konflikt in einer hochdramatischen Parabel auf.

Stuttgart - Ein heißer Sommer in Beirut, die Luft ist zum Schneiden. Seiner hochschwangeren Frau Shirine (Rita Hayek) kann der Mechaniker Toni (Adel Karam) nicht helfen, seine Pflanzen wässert er umso hingebungsvoller. Wie die meisten Mieter im Viertel hat Toni am Balkon einen offenen Abfluss montiert. ­Erlaubt ist das nicht, ungehindert platscht das Gießwasser auf den Gehweg. Dabei ­wäre es ein Leichtes, ein Rohr entlang der Hausmauer zu verlegen, um die Brühe in den Rinnstein zu leiten.

So sieht es Yasser (Kamel El Basha), der Vorarbeiter eines Bautrupps in Tonis ­Straße. Als Yasser von einem Schwall schmut­ziger Plörre durchnässt bei Toni klingelt, um ihn zu ermahnen, die Marke Eigenbau zu entfernen, bellt der Yasser an, er solle sich um seinen eigenen Kram kümmern. ­Yassers fachgerechten Umbau zerstört ­Toni umgehend, Beleidigungen fliegen hin und her und schließlich auch die Fäuste. Am Ende landet Toni mit Rippenbruch im Krankenhaus und Yasser auf der Ankla­gebank.

Beide Männer sind traumatisiert

Es könnte bloß ein dummer Streit zweier Hitzköpfe sein, doch in Ziad Doueiris Drama „Der Affront“ wird die Keilerei um ein Plastikrohr zur Staatsaffäre. Im ­Libanon erschweren besondere Bedingungen das alltägliche Zusammenleben. Toni ist libanesischer Christ, Yasser palästinensischer Flüchtling. Wie so viele Menschen im Nahen Osten haben die beiden Männer schwere Traumata erlitten, die Folgen des libanesischen Bürgerkriegs wirken nach, auch 28 Jahre nach dessen Ende.

Ziad Doueiri, Jahrgang 1963, kennt die Schrecken des Krieges aus eigener ­Anschauung. Als 18-Jähriger floh er aus dem Libanon in die USA. Dort baute er sich ein neues Leben auf, studierte und arbeitete als Kamera­assistent bei Quentin Tarantino. Doch die politischen Probleme seiner Heimat holten Doueiri wieder ein: 2017 entzogen ihm die libanesischen Behörden den Pass am Beiruter Flughafen und zitierten ihn vor ein Militärgericht. Der Grund: Doueiri hatte 2012 Teile seines Films „The Attack“ in Israel ­gedreht – und Libanesen ist es verboten, nach Israel zu reisen. Doueiri wurde zwar wieder auf freien Fuß gesetzt, doch die Episode zeigt, dass die kritische Auseinandersetzung libanesischer Künstler mit der politischen ­Lage im Land noch immer nicht selbst­verständlich geschieht.

Nach Beschimpfungen kommt es zu Handgreiflichkeiten

Aus westlicher Perspektive könnte man Doueiri vorwerfen, er habe in „Der Affront“ den Konflikt der Protagonisten Yasser und Toni am Reißbrett entworfen. Unter den realen Gegebenheiten des Mit- und Gegeneinanders verschiedener konfessioneller Gruppen im Libanon konstruiert der Sunnit Doueiri mit seiner christlichen Co-Autorin Joëlle Touma den Plot aber geschickt als allgemeingültige politische Parabel.

Der psychischen Verfassung der Kontrahenten schenkt der Film besondere Aufmerksamkeit. Zur entscheidenden Handgreiflichkeit kommt es, nachdem Yasser Toni als „Scheißkerl“ ­beschimpft hat und der wiederum mit der unerhört grausamen Verbalattacke pariert, der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hätte einst „alle Palästinenser ­auslöschen sollen“.

Als geduldeter Flüchtling erlebt Yasser täglich soziale Ausgrenzung und Benachteiligung. Seinen Job als Ingenieur darf er im Libanon nicht ausüben, stattdessen schuftet er auf dem Bau. Toni hingegen hat als Kind erlebt, wie palästinensische und muslimische Milizen sein Heimatdorf ­Damur vernichteten. Die Erfahrung hat in Toni flammenden Hass entzündet, den er nun auf den unschuldigen Yasser projiziert. Dass zahlreiche Palästinenser ähnlichen Massakern zum Opfer fielen, blendet er aus. Vor Gericht erhalten beide die Möglichkeit, ihre Sichtweisen darzulegen. Toni wird dabei vom rechts-konservativen ­Anwalt Wajdi Wehbe (Camille Salamé) vertreten, an Yassers Seite kämpft Wehbes Tochter Nadine (Diamand Bou Abboud). Während sich die Parteien vor Gericht ­jedoch allmählich annähern, instrumentalisieren verfeindete Gruppen den Prozess für eigene Zwecke, in der Folge kommt es zu heftigen Straßenkämpfen.

Der Film setzt auf sachliche Aufarbeitung

Doueiri deckt in seiner Darstellung die grundsätzlichen Muster des Nahostkonflikts auf und zeigt, dass die Klärung der Schuldfrage praktisch unmöglich ist. Der Regisseur setzt stattdessen auf sachliche Aufarbeitung und Versöhnung. Im Film ­gelingt es Toni und Yasser, den Hass zu überwinden. In der Realität sieht das oft immer noch anders aus.

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