Kinokritik: Deadpool 2 Ein anarchisches Spiel mit der Illusion

Von Autor 

Wen diese Maske  in den Blick nimmt, der sollte sich Sorgen machen:  Ryan Reynolds als Antisuperheld Deadpool Foto: Verleih
Wen diese Maske in den Blick nimmt, der sollte sich Sorgen machen: Ryan Reynolds als Antisuperheld Deadpool Foto: Verleih

Die gewitzte Superhelden-Satire geht weiter: Ausgerechnet der Antiheld Deadpool soll einem jungen Mutanten den Weg weisen.

Autor

Stuttgart - Die X-Men aus dem Marvel-Comic-Universum sind ein Orden von Mutanten, der mit vielem ringt: den eigenen, schwer kontrollierbaren Superkräften, öffentlicher Ablehnung, abtrünnigen Bösewichten; und mit dem unberechenbaren Quertreiber Deadpool, der ihnen als eine Art Eulenspiegel die Sinnlosigkeit ihres Strebens vorführt.

Mit seltener Originalität kam dieser Antiheld 2016 übers Publikum, und mit einem simplen Plot: Eine dubiose Therapie verleiht dem krebskranken Unterwelt-Söldner Wade Wilson unbändige Selbstheilungskräfte, entstellt ihn aber auch, was ihn zum zynischen Rächer macht. Eine Satire auf Superhelden, Superhelden-Filme und Hollywood selbst ist dieser Streifen, getrieben von scharf gezeichneten Karikaturen und anarchischem Witz. Die Gagdichte lässt kaum Luft zum Atmen, während Deadpool im kruden Dress Gangster dezimiert und sein Tun permanent sarkastisch kommentiert.

Nachtragende Gangster treffen den ­Rächer hart

Ein Schlüssel zum Erfolg war Ryan Reynolds, der in der Titelrolle mit großer Klappe aufreizend lässig posiert, wie es nur Lebensmüde tun, die nicht sterben können. In einer ernsten Superheldenrolle als „Green Lantern“ (2011) war Reynolds gescheitert, sein komödiantisches Talent hatte er etwa in Marjane Satrapis Groteske „The Voices“ (2014) bewiesen als schizophrener Frauenmörder. Sein zweites „Deadpool“-Abenteuer nun braucht eine halbe Stunde Anlauf, um da weiterzumachen, wo Teil eins aufgehört hat – und in Sachen Absurdität sogar noch zuzulegen.

Nachtragende Gangster treffen den ­Rächer an seiner Achillesferse: Sie berauben ihn der Edelhure Vanessa (Morena Baccarin), der Liebe seines Lebens, mit der er gerade eine Familie gründen wollte. Mitten in der totalen Depression gerät er an den halbwüchsigen Russell, der mit den Händen ein Flammeninferno entfachen kann und an dem Waisenhaus zündelt, in dem er misshandelt wird. Nun muss er auf den richtigen Weg gebracht werden. Aber ausgerechnet von Deadpool? Genau.

Als Hilfe erweist sich Domino, deren Superkraft schieres Glück ist

Ryan Reynolds gestaltet die Wandlung der Figur – Läuterung wäre zu viel gesagt – so stimmig widersprüchlich, wie es ihr entspricht, und erneut findet er das richtige Maß an mimischer und gestischer Überzeichnung. Mit seinem einzigen Freund, dem offen opportunistischen Barkeeper Weasel (köstlich: T. J. Miller), stellt Deadpool ein Mutanten-Team zusammen, das sich als Versagertruppe entpuppt, abgesehen von der mondänen Domino, deren Superkraft schieres Gustav-Gans-Glück ist.

Als emanzipierte Nachfahrin von Blaxploitation-Heldinnen wie Foxy Brown erweist sie sich als echte Hilfe, während sie durch eine gut inszenierte Kette glücklicher Umstände dem Bösen die Stirn bietet: Wird sie durch die Luft geschleudert, tut sich wie ein Wunder ein weicher Landeplatz auf. Die Deutsch-Afroamerikanerin Zazie Beetz, geboren 1991 in Berlin, empfiehlt sich hier mit herrlich unbeschwerter Ausstrahlung.

Die überbordende Gewalt ist allein durch die Ironie gedeckt

Als Antagonist fungiert Cable, ein beinharter Superkrieger aus der Zukunft, der „Terminator“-parodistisch die kaputte Gegenwart reparieren soll und an Deadpool verzweifelt – eine Paraderolle für Josh Brolin („Sicario“), der die knorrige Figur mit der ­Lakonie eines Veteranen ausstattet, der schon alles gesehen hat. Dazu kommen der stählerne Colossus, der die X-Men-Tradition hochzuhalten versucht, die wandelnde Bombe Negasonic Teenage Warhead, der zerstörerische Gigant Juggernaut. Ständig brechen die Akteure bewusst die Illusion, etwa, wenn Deadpool Sharon Stone aus „Basic Instinct“ imitiert oder mitten in einer Actionsequenz en passant ein Ryan-Reynolds-Autogramm schreibt.

Die überbordende Gewalt im Film ist allein durch die Ironie gedeckt, die Freigabe ab 16 deshalb ernstzunehmen. Es gibt reichlich Kollateralschäden, und nur bei Deadpool wachsen abgetrennte Gliedmaßen einfach wieder nach, was er diesmal auf die Spitze treibt. Die Action ist sauber und effektvoll inszeniert, zum Schlüssel-Gimmick werden elektronische Halsbänder, die Superkräfte außer Kraft setzen. Der Gipfel aber ist ­Deadpools wiederkehrende Behauptung, es handle sich um einen Familienfilm. Wie Drehbuch und Regie tatsächlich dahin kommen, ist ein satirisches Kunststück.

Deadpool 2. USA 2018. Regie: David Leitch. Mit Ryan Reynolds, Josh Brolin, Zazie Beetz, Morena Baccarin. 120 Minuten. Ab 16 Jahren. Cinemaxx (City & SI), Gloria, Ufa
.

Lesen Sie jetzt