Miguel leiht sich im Mausoleum seines Idols Ernesto de la Cruz dessen Gitarre aus: „Coco“ ist ein tiefgründiger Animationsspaß für die ganze Familie Foto: Verleih

Das jüngste Pixar-Märchen namens „Coco“ ist eine mexikanische Traumreise ins Totenreich, dramaturgisch perfekt angelegt und von tricktechnischer Brillanz.

Stuttgart - Am Día de los Muertos, dem „Tag der Toten“, gedenken die Mexikaner ihrer verstorbenen Angehörigen. Sie drapieren deren Bilder auf farbenfroh gestaltete Altäre, um ihnen eine temporäre Rückkehr ins Reich der Lebenden zu ermöglichen. Blumen und Skelette beherrschen das Straßenbild, es herrscht ausgelassene Volksfeststimmung. Präkoloniale Vorstellungen mischen sich da mit christlichen, die die spanischen Missionare den Ureinwohnern aufzwangen, ohne die alten Religionen ganz verdrängen zu können.

Dem zwölfjährigen Miguel ist gar nicht nach feiern zumute im jüngsten Pixar-Abenteuer „Coco“, denn er möchte nur eines: Musiker werden in einer Schuhmacher-Familie, in der absolutes Musikverbot herrscht, seitdem der Ururopa, ein Gitarrist und Sänger, die Ururoma und die gemeinsame Tochter sitzen ließ, um auf Tournee zu gehen. Diese Tochter ist nun Miguels Uroma Coco, deren Tochter Abuelita mit Argusaugen darüber wacht, dass kein Familienmitglied jemals Musik hört oder gar selbst erzeugt.

Ein Hochstapler wird zur Schlüsselfigur

Der flinke Junge möchte dennoch am Musikwettbewerb teilnehmen und sich mangels Instrument die Gitarre aus dem Mausoleum des legendären Musikers Ernesto de la Cruz ausleihen, als er plötzlich die Toten sehen kann. Bald gerät er in deren Reich, wo er unter all den Seelen in Skelett-Gestalt seine verstorbene Verwandtschaft findet sowie einen bemitleidenswerten Hochstapler, der bald zur Schlüsselfigur wird. Ernesto de la Cruz dagegen, der sich auch im Jenseits wie als Popstar feiern lässt und den Miguel abgöttisch verehrt, entpuppt sich als völlig anders, als erwartet.

Der Film von Lee Unkrich, der schon bei „Toy Story 3“ (2010) Regie geführt hat, ist eine respektvolle Liebeserklärung an die mexikanische Seele – was in Zeiten des herablassenden Trumpismus durchaus symbolisch verstanden werden darf. Die Musical-Einlagen sind exzellent choreografiert und der Stellenwert der Familie wird bildhaft erlebbar, etwa wenn Miguel liebevoll Uroma Coco umsorgt, obwohl diese kaum noch etwas wahrzunehmen scheint. Vor allem aber beeindruckt die ebenso simple wie ausgeklügelte Mechanik, die das Sein der Toten bestimmt, und wie aus der mexikanischen Tradition allgemeingültige Überlegungen werden, wie Gedenken und Vergessen eine physische Qualität bekommen.

Immer geht es bei Pixar um existenzielle Themen

Große Ideen zu Bildern zu machen, die die Zuschauer berühren, ist seit jeher ein wesentlicher Teil der Pixar-Kunst, immer geht es unter der bunten Oberfläche um existenzielle menschliche Themen: Ein einsamer kleiner Roboter widmet sich der Sisyphos-Aufgabe, die von den ins All geflohenen Menschen völlig vermüllte Erde aufzuräumen („Wall-E“, 2008), widerstreitende, personifizierte Emotionen im Kopf einer Ausreißerin versuchen, das familiäre Fundament in ihr zu retten („Alles steht Kopf“, 2015), ein Sohn geht verloren und sein Vater überwindet seine notorische Angst und viele Gefahren, um ihn zu finden („Findet Nemo“, 2003), ein Kind wird zum Jugendlichen und verliert das ­Interesse an seinen einst heiß geliebten Spielsachen, die diese Trennung bis ins Mark erschüttert („Toy Story 3“).

Stets sind die Pixar-Drehbücher dramaturgisch perfekt ausgeformt, kleinste Regungen der Figuren sind exakt getimt, Ort, die brillante 3-D-Animation überwältigt. Das ist in „Coco“ nicht anders, auch wenn das Familienthema ein wenig strapaziert wird und das Totenreich eine Spur zu bonbonfarben geraten ist. Das freilich fällt nicht sehr ins Gewicht, weil der durchweg tiefgründige Film mit Geist und Witz unterhält und anrührt.

„Coco“ könnte einer von John Lasseters letzten Filmen sein

Ein Garant für die hohe Qualität der ­Pixar-Produktionen war stets John Lasseter. Er kam 1984 von Disney, etablierte mit „Toy Story“ (1995) die 3-D-Computer-Animation im Kino, die bald darauf den Zeichentrickfilm verdrängte. 2006 übernahm der angeschlagene Platzhirsch Disney den erfolgreichen Konkurrenten Pixar und machte Lasseter zum Kreativ-Chef. Der war er bis vor wenigen Tagen. Dann wurde öffentlich, dass er seit über 20 Jahren bei er Arbeit regelmäßig junge Frauen bedrängt haben soll – womit der vielleicht einflussreichste Animationsfilmer seit Walt Disney zum jüngsten „#metoo“-Fall wurde und eine sechsmonatige Auszeit ankündigte.

Vieles spricht dafür, dass daraus ein unehrenhafter Abgang wird – der wie bei Kevin Spacey mit einem künstlerischen Verlust einhergehen würde, dessen Ausmaß sich kaum abschätzen lässt. Womöglich ist „Coco“ der letzte typische Pixar-Film.

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