Vore (Eero Milonoff, links) und Tina (Eva Melander) Foto: Verleih

Das schwedische Drama malt aus, wie es sein könnte, wenn Trolle unerkannt unter den Menschen lebten.

Stuttgart - Sofort ist klar, dass mit Tina etwas nicht stimmt: Als Kontrolleurin am Fährhafen erschnüffelt sie zielsicher, welche Passagiere illegale Waren mit sich führen – bis hin zu Kinderpornografie. ­Wegen ihrer hohen Erfolgsquote stellt kaum jemand beim Zoll Fragen. Tina wird respektiert trotz ihres seltsamen Äußeren, ihrer eigenartigen Gesichtszüge, ihres ­gedrungenen Körpers.

Ein Leben aber hat sie nicht wirklich. Ihr Freund Roland (Jörgen Thorsson) ist ein Schmarotzer und mit seinen unerzogenen, aggressiven Kläffern vor allem deshalb mit ihr zusammen, weil er in ihrem Haus im Wald wohnen darf. Er behauptet zwar, er liebe sie, doch ihre Einsamkeit und ihre Isolation durchbricht Tina nur, wenn sie ­alleine zwischen den Bäumen umherstreift und die Tiere des Waldes – Fuchs, Elch, Hase – sich ihr wie selbstverständlich nähern und sie umstreifen.

Alle Details stecken in den Bildern

Der Regisseur Ali Abbasi erzählt ausgesprochen filmisch, bis in die Details steckt alles Wesentliche in den Bildern, während die Dialoge – wie im richtigen Leben – Abbilder der Schutzfassaden sind, mit denen Zweibeiner sich gerne umgeben. Eine Liebeserklärung an die Kunstform Kino ist dieser Film, eine visuelle Offenbarung – ­allerdings eine zutiefst verstörende.

Das Unheil nimmt seinen Lauf, als Tina eines Tages am Hafen einen fröhlichen Mann namens Vore kontrolliert, der offensichtlich einiges mit ihr gemeinsam hat. Das irritiert sie so sehr, dass sie mit ihm besonders hart verfährt, freilich ohne etwas zu finden. Sie muss sich entschuldigen, und bald findet eine Annäherung statt, die beide bald zu wilden, animalischen Kreaturen werden lässt, die in völliger Hingabe an die Natur irritierende Dinge tun und sich aberwitzigen Intimitäten hingeben.

Sozialer und magischer Realismus mischen sich

Wie die gesamte Inszenierung ist auch die Maske darauf angelegt, zu befremden, abzustoßen. Trolle sind die beiden, eine von den Menschen misshandelte und unterdrückte Spezies, die beinahe ausgestorben war. Eva Melander, die für den Film zwanzig Kilo zunahm, und Eero Milonoff wagen sich weit hinaus in ihren Rollen, Abbasi hat sie so weit getrieben, wie es nur ging – knurrend fallen sie förmlich übereinander her.

Sozialer Realismus, wie man ihn aus skandinavischen Filmen kennt, mischt sich hier mit magischem Realismus, einer übernatürlichen, idealen Verbindung zur Natur, wie viele Menschen sie sich vergeblich ersehnen. Obwohl die Trolle unangenehm berühren und bedrohlich wirken, reißt die Faszination keine Sekunde lang ab – denn „Border“ verhandelt exem­plarisch Themen, die zu den drängenden der menschlichen Gegenwart gehören.

Die Trolle schlgen zurück

Vore rächt sich auf perfide Weise, wird dabei aber zum räuberischen Kollaborateur in menschlichen Abgründen; Tina ­dagegen kann sich derartige Rache nicht vorstellen, egal, was Menschen Trollen angetan haben mögen. Das Dilemma, in dem beide bald stecken, lässt sich nicht auflösen, ein Happy End scheint unmöglich. Die Grundfragen indes bleiben unbeantwortet: Wie sollen Kreaturen umgehen mit alten Wunden, alter Schuld? Besonders dann, wenn die Nachkommen einstiger Übeltäter nichts mehr ahnen von den Taten ihrer Vorfahren?

In der nordischen Mythologie sind Trolle menschengestaltige Fabelwesen, die mal als Kobolde, mal als Dämonen dargestellt werden. In der Netzwelt der Gegenwart ­bezeichnet der Begriff Unruhestifter, die Mitmenschen tyrannisieren und Unfrieden verbreiten. In „Border“ sind die Trolle Stellvertreter für ­alle unfreiwilligen Störenfriede in der Welt, die an menschlichen Vorurteilen leiden, an mangelnder Vorstellungskraft, mangelnder Toleranz. Diese Trolle sind eine Chiffre für all jene, die anders sind als die Mehrheit und denen deshalb Unrecht widerfährt. So wird Ali Abbasis Film zur großen Parabel auf den Umgang mit allem Ungewohnten, allem Fremden; selten verstört Kino auf so kon­struktive Weise.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: