Ein übergriffiger Mann, drei Frauen und das Ringen um Zusammenhalt: Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie (von links) in „Bombshell“ Foto: Verleih/Hilary B Gayle

Roger Ailes, der Mitbegründer des rechtskonservativen Nachrichtensenders Fox News, hat über die Jahre Angestellte hinweg sexuell belästigt und missbraucht. Ein Filmdrama zeigt nun, wie schwierig es für Betroffene trotzdem war, ihn zu Fall zu bringen.

Stuttgart - Das englische Wort „bombshell“ bezeichnet nicht nur einen Sprengkörper, sondern auch eine sehr attraktive Frau sowie eine unerwartete Überraschung. Um all dies dreht sich metaphorisch ein Film zur Metoo-Debatte, der einen realen Fall zeigt: Roger Ailes, der den rechtskonservativen TV-Sender Fox News zum führenden Nachrichtenkanal der USA aufgebaut hatte, stürze 2016 über die Anschuldigungen von Frauen, sie sexuell­ belästigt zu haben. Nicht der Übergriffige steht im Zentrum, sondern drei Betroffene: Die Moderatorin Gretchen Carlson (Nicole Kidman), die Starmoderatorin Megyn Kelly (Charlize Theron) und die fiktive Berufseinsteigerin Kayla Pospisil (Margot Robbie).

Viele Frauen fürchten die Demütigung

Carlson verklagt Ailes. Weil sie sich ihm verweigerte, hat er sie degradiert und dann gefeuert. Ihre Anwälte machen klar: Ohne Beweise und die Aussagen weiterer Frauen hat sie keine Chance. Doch es dauert, bis andere Opfer sich aus der Deckung trauen – denn wenn sie das tun, werden sie übel öffentlich denunziert und gedemütigt. Während Kelly mit sich ringt, ob sie ihr Gewicht in die Waagschale werfen soll, gerät Pospisil aus nassforscher Naivität in Ailes’ Fänge und wird von ihm zu karrierefördernden Handlungen gedrängt.

Schon mit „Trumbo“ (2016), einem Film über die Ächtung des Drehbuchautors Dalton Trumbo und anderer Freigeister während der Kommunistenhatz der McCarthy-Ära, hat der frühere Komödien-Regisseur Jay Roach („Austin Powers“) den Sprung ins ernste Fach geschafft. Nun knüpft er daran an – nach einem Skript von Charles Randolph, der unter anderen die Drehbücher zum Todesstrafen-Drama „Das Leben des David Gale“ (2003) und zum Polit-Thriller „Die Dolmetscherin“ (2005) schrieb.

Oft spielen die Frauen mit

Gemeinsam ist den beiden ein Film gelungen, der sehr präzise die Abhängigkeiten im Mediengeschäft offenlegt und zugleich auf sehr universelle Weise die Mechanismen sexueller Belästigung. Die fiktive Kayla Pospisil haben sie erschaffen, um reale Erlebnisse von Frauen zeigen zu können, die nicht genannt werden wollen oder Schweigeerklärungen unterzeichnet haben. Sehr deutlich wird, was den Übeltätern alles in die Karten spielt. In einer Szene stehen die Protagonistinnen zufällig nebeneinander im Fahrstuhl und schweigen, obwohl die Affäre bereits läuft und es viel zu besprechen gäbe – doch ihre Positionen im Unternehmen liegen zu weit auseinander, und besonders die populäre Kelly achtet genau darauf, was ihr nützt oder schadet. Mangelnde Solidarität unter Frauen erweist sich als der beste Schutz für übergriffige Männer in Machtpositionen. Dazu kommt, dass Frauen manchmal mitspielen – Ailes wies seine weiblichen Angestellten tatsächlich erfolgreich an, Bein zu zeigen. Womit eine Auffälligkeit des US-Nachrichtenfernsehens erklärt wäre, dessen Schönheitsideal – zugeschminkte Gesichter, betonierte Frisuren – vielen Nichtamerikanern auf ewig ein Rätsel bleiben wird.

Eine Südafrikanerin (Theron) und zwei Australierinnen verkörpern die Protagonistinnen und deren Blickwinkel. Alle drei verstehen sich auf die Nuancen und emotionalen Zwischentöne, die in solchen Fällen entscheidend sein können. Erhobenen Kopfes und strahlend wie eine Königin zieht Theron alle Blicke auf sich und hält sie souverän aus, Kidman macht aus Carlson eine sanfte Rebellin, die feministische Untertöne einschmuggelt, und die mutige Margot Robbie ist eine Wucht in der schwierigen Rolle des fallenden Engels. John Lithgow, der als Transgender-Footballer in „Garp“ (1983) bekannt wurde, gibt einen herrlich unappetitlichen und selbstgerechten Roger Ailes ohne Unrechtsbewusstsein – kommt aber nicht an die diabolische Manipulationskraft heran, die Russell Crowe in dieser Rolle entfaltet in der Miniserie „The loudest Voice“.

Der Ausgangspunkt der Geschichte: Donald Trump

Der Film passt ins US-Wahljahr, denn er handelt explizit auch vom amtierenden US-Präsidenten, der trotz seiner Respektlosigkeit gegenüber Frauen ins Amt kam – oder womöglich, und diese Vorstellung ist weit beunruhigender, auch deswegen. Als Ausgangspunkt der Geschichte dient eine Vorwahldebatte der republikanischen Partei im Jahr 2016, bei der Megyn Kelly den Kandidaten Donald Trump zu seinen abfälligen Kommentaren über Frauen befragte und zum Opfer eines Verleumdungs-Shitstorms wurde, den Trump auf Twitter lostrat. In der Folge brauchten Kelly und ihre Familie Personenschutz.

Der Medienmogul Rupert Murdoch, (Malcolm McDowell) dem Fox gehört, entpuppt sich als Einflüsterer, Ailes’ Anwalt ist der frühere New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani (Richard Kind), der nun für Trump den Ausputzer macht. Zum sexuellen Missbrauch kommt der politische. Nichts ist gruseliger als die Realität, wenn das Kino sie unter sein Brennglas legt.

Bombshell – Das Ende des Schweigens. USA 2019. Regie: Jay Roach. Mit Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie. 110 Minuten. Ab 12 Jahren. Atelier am Bollwerk, Metropol (auch OV)

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