Das Show-Geschäft ist schmierig: Elle Fanning und Jude Law in „A rainy Day in New York“ Foto: Gravier Productions//Jessica Miglio

Vor 20 Jahren wäre „A rainy Day in New York“ einer der Filme der Saison gewesen. Heute ist Woody Allens Werk kaum noch zu trennen von alten Missbrauchsvorwürfen, die in der Metoo-Debatte wieder hochkamen und seine Karriere beenden dürften.

Stuttgart - Unangreifbar schien Woody Allen zu sein, der Schöpfer von Filmklassikern wie „Der Stadtneurotiker“. Ein treues, eher bildungsbürgerliches Publikum freute sich auf seinen nächsten Film und pilgerte in die Kinos, Frauen so zahlreich wie Männer. Allens jüdischer Humors galt als legendär, seine komplizierten und urkomischen Beziehungsdramen, in denen Männer oft keine besonders gute Figur machten, als sehr menschlich und exemplarisch.

All das steckt auch in Woody Allens jüngstem Film „A rainy Day in New York“, in dem ein Studentenpaar beim Wochenendausflug in den Big Apple in romantische und andere Verwirrungen gerät, wie sie das Leben so bietet. Doch die öffentliche Wahrnehmung des Filmemachers hat sich vollkommen geändert seit der Metoo-Debatte im Jahr 2017.

Ein Verdacht reicht heute aus, eine Karriere zu zerstören

Da kochten die Vorwürfe wieder hoch, Allen habe seine Adoptivtochter Dylan missbraucht. Allens Exfrau Mia Farrow erhob sie erstmals 1992 im Zuge der Trennung, ausgelöst durch Allens Affäre mit Farrows Adoptivtochter Soon-Yi Previn, die er später heiratete. Die Staatsanwaltschaft verzichtete im Fall Dylan 1992 auf eine Anklage wegen Kindesmissbrauchs, weil Ermittler und ein Gutachter keine Hinweise dafür fanden.

Dylan Farrow, damals sieben Jahre alt, belastete ihren Vater im Jahr 2013 schwer; Farrows und Allens zweites gemeinsames Adoptivkind Moses widersprach ihr öffentlich. Allen selbst hat die Vorwürfe stets bestritten. Bedrohlich wurde die Situation für ihn jedoch durch die Metoo-Debatte, die überfällig war und viele übergriffige Männer zurecht hinwegfegte – die aber auch das Prinzip „in dubio pro reo“ tendenziell umkehrte: Ein Verdacht reicht seither aus, um eine Karriere zu zerstören.

Woody Allens sarkastischer Blick war immer sanft

Kann, soll, darf man „A rainy Day in New York“ also anschauen oder nicht? Diese Frage lässt sich ebensowenig beantworten wie die Frage, ob und welche Schuld Allen auf sich geladen hat oder nicht.

Wer den Film nur als Film sieht, kann sich nostalgisch zurückversetzen. Bei allem Sarkasmus war Woody Allens humoristischer Blick auf seine Stadt, die Menschen und das Leben ja immer sanft und liebevoll. Auch diesmal erscheint New York als wunderbarer Moloch, der alles ermöglichen und alles verschlingen kann.

Chalamet ist überfordert mit der Allen-Rolle

Der schnöselige Gatsby (Timothée Chalamet) aus reichem New Yorker Haus reist incognito von der ungeliebten Eliteuni in die Stadt, weil seine aus Arizona stammende Freundin Ashleigh (Elle Fanning) für die Uni-Zeitung ein Interview mit einem Filmregisseur (Liev Schreiber) führen darf. Der erweist sich als schwierig, beider Wege trennen sich, und während Gatsby immer neue Spuren seiner Vergangenheit findet, etwa Chan (Selena Gomez), die jüngere Schwester einer Verflossenen, geht Ashleigh auf einen Schnelldurchlauf durchs Filmgeschäft, trifft neurotische Autoren (Jude Law) und übergriffige Stars (Diego Luna).

Um Selbstfindung geht es da und um Selbstvergewisserung in einer Welt, wie sie nur die gehobene Mittelschicht aufwärts kennt – doch wie immer hat Allen den Blick fürs Universelle. Alle Figuren sprechen in den für ihn typischen Onelinern, die manche sich zu eigen machen (Gomez, Fanning), während andere überwiegend aufsagen – Chalamet etwa sieht gut aus, ist aber latent überfordert in der Rolle des Gatsby, die der junge Allen wohl selbst gespielt hätte. Selena Gomez als sehr selbstbewusste Chan jedenfalls steckt ihn locker in die Tasche.

Die Schauspieler haben sich distanziert

Das ist wichtig mit Blick auf die andere Frauenfigur Ashleigh, die auf den ersten Blick wirkt wie ein blondes Dummchen vom Lande – weshalb sich alle Metoo-Inquisitorinnen und Inquisitoren nun die Hände reiben: Frauenklischee! Dabei ist spätestens seit der Beatlemania weltöffentlich belegt, dass es junge Frauen gibt, die für männliche Idole im Showgeschäft schwärmen. Ashleigh ist der Prototyp des neugierigen, sympathischen, leicht unbedarften Mädchens von nebenan, dem sich leicht alle Türen öffnen und in dem sich die Lüsternheit triebgesteuerter Männer spiegelt – was nun wohl nicht mehr als Klischee gilt. Elle Fanning verkörpert die Projektionsfläche männlicher Fantasien bravourös, und sie kommt in diesem amüsanten kleinen Film gut damit durch.

Wie alles ist auch dies Auslegungssache, wer Allen einen Strick drehen möchte, bekommt hier eine Steilvorlage. Die Amazon Studios haben „A rainy Day in New York“ bereits 2018 produziert und sich dann wegen der öffentlichen Debatte davon distanziert, sie brachten den Film weder ins Kino noch auf Amazon Prime. Chalamet und Gomez wählten den Balanceakt: Sie wollten wohl nicht darauf verzichten, einen Allen-Film in ihrer Vita zu haben, distanzierten sich hinterher aber ebenfalls und spendeten ihre Gagen.

Womöglich ist Woody Allens Karierre nun am Ende. Er ist 84, kann auf ein großes Lebenswerk zurückblicken. Sein Humor und sein Blick auf die Welt gehen deshalb nicht verloren: Die köstliche Serie „The Marvelous Mrs. Maisel“ zum Beispiel über eine Hausfrau und Mutter im New York der späten 50er, die als Frau unerhörterweise Standup-Comedy machen möchte, ist wie ein nicht enden wollender Woody Allen-Film – und völlig unvorbelastet.

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