Kino: Lauf, Junge, lauf Eine Geschichte, die durchschüttelt

Von Brigitte Jähnigen 

Der flüchtige Judenjunge Skrulik (Andrzej Tkacz) gibt sich als katholischer Waise aus. Foto: Hagen Keller/Verleih
Der flüchtige Judenjunge Skrulik (Andrzej Tkacz) gibt sich als katholischer Waise aus. Foto: Hagen Keller/Verleih

Der deutsche Regisseur Pepe Danquart erzählt in „Lauf Junge Lauf“ von einem Kind, das dem Warschauer Ghetto entflieht – nach dem Roman-Bestseller des israelischen Autors Uri Orlev.

Stuttgart - Wegschauen geht nicht, weghören auch nicht. Ein Kind liegt mit zerquetschter Hand im Feldlazarett auf dem Operationstisch, doch der Chirurg wendet sich ab: „Juden operiere ich nicht!“

Skrulik wird in den Gang geschoben. Nachts fiebert er, bekommt Wundbrand, der Chefarzt entdeckt das wimmernde Kind und sagt: „Gestern hätten wir seine Hand retten können, heute müssen wir um sein Leben kämpfen.“ Der Arm wird amputiert, das Kind überlebt. Doch die Flucht des einarmigen Neunjährigen ist nicht zu Ende. Europa schreibt das Jahr 1943.

Manchmal muss es wehtun

Muss Pepe Danquart, Regisseur des Films „Lauf, Junge, lauf“, dem Publikum solche Szenen zumuten? „Ja, manchmal muss es weh tun“, sagt er. Denn was so schmerzhaft über die Kinoleinwand kommt, ist wirklich passiert. Die Worte brennen, sobald sie ausgesprochen sind an diesem wunderschönen Frühlingstag, an dem Pepe Danquart nach Stuttgart gekommen ist. Einen physischen, erdigen, aufwühlenden Film hat er gedreht, der schon immer ins Extreme zielte – weswegen ihm für den Kurzfilm „Schwarzfahrer“ auch der Oscar verliehen wurde.

Im Abspann von „Lauf, Junge, lauf“ kommt er ins Bild, der erwachsene, einarmige Skrulik. Er läuft am Strand von Tel Aviv. Mit Ehefrau, Kindern und Enkeln. Eine Szene am Meer, so heiter, alltäglich. Fast.

„Wer im Film bis zu diesem Moment nicht geweint hat, wird es jetzt tun“, sagt Pepe Danquart. Skrulik heißt seit seiner Ankunft in Israel im Jahr 1962 Yoram Fridman. Ausgerechnet ein Goi – ein Nichtjude – hat sein Schicksal verfilmt, und er hat dem Regisseur folgendes dazu gesagt: „Dass mir Deutschland nach soviel Schrecken diesen Film geschenkt hat, empfinde ich als Genugtuung.“

In 15 Sprachen übersetzt, in 17 Ländern erschienen war der Roman „Lauf, Junge, lauf“ des israelischen Autors Uri Orlev. „Das Buch hat mich durchgeschüttelt, ich wusste, eine solche Geschichte muss mit den Mitteln des Filmes erzählt werden“, sagt Pepe Danquart. Die Geschichte, das ist das Schicksal dieses jüdischen Kindes, das mit acht Jahren aus dem Warschauer Ghetto fliehen kann, weil sein Vater das eigene Leben opfert.

"Vergiss nie, dass du Jude bist"

Er ist es auch, der dem Sohn das Leitmotiv des Lebens flüstert: „Vergiss nie, dass du ein Jude bist.“ Worte, die in den folgenden Jahren Halt, aber auch Anlass für innere Konflikte geben. Auch von dieser Gespaltenheit lebt der Film.

In Polen fand Pepe Danquart die Zwillinge Andrzej und Kamil Tkacz, die sich im Film die Rolle des Srulik teilen. Ihre dunklen Augen brennen auf der Leinwand, ohne ­jeden Zweifel an der Wahrhaftigkeit ihrer Rollen spielen sie das Kind, das sich gegen Mensch und Natur wehren muss. Das sich in den Wäldern rund um Warschau verbirgt, das gejagt wird.

Das Unterkunft und Liebe bei einer polnischen Partisanenfrau findet, das, um überleben zu können, seine jüdische Identität als Skrulik mit einer katholischen als Jurek tauscht. Die Erzählperspektive eines Kindes ist es, die Wucht seiner nicht vorstellbaren inneren Konflikte und das ­Talent der jungen Darsteller, die „Lauf, Junge, lauf“ zum Kinopublikumserlebnis für ­alle Generationen machen.

„Der Tod von 6 Millionen Juden durch die Shoah ist für junge Leute heute ein Abstraktum, aber der Alltag des Krieges zeigt den Schrecken im Einzelfall“, sagt Pepe Danquart. Elisabeth Duda spielt die polnische Partisanenfrau, Jeanette Hain eine deutsche Gutsbesitzerin, Rainer Bock ihren Geliebten, einen SS-Offizier. Gedreht wurde in Originalsprachen: Polnisch, deutsch, jiddisch. Verfallene Häuser fand Pepe Danquart in der Prignitz in Brandenburg, Urwald im Reinhardswald in Hessen; das Ghetto hat er in Wroclaw in Polen aufgebaut.

Menschen für eine Flasche Wodka verraten

Die Weltpremiere fand im neuen jüdischen Museum in Warschau statt, „für mich der weltbeste Uraufführungsort für einen solchen Film“, sagt Danquart. Beim Filmfest Cottbus 2013 bekam er den Publikumspreis, beim Atlanta Jewish Filmfestival im März reagierten 2000 Zuschauer mit Standing Ovations. 120 000 polnische Kinobesucher haben den Film bisher gesehen.

„Die deutsch-polnisch-jüdische Vergangenheit wird heute auch im östlichen Nachbarland Deutschlands differenzierter interpretiert. „Für eine Flasche Wodka hat man Menschen verraten, aber auch das eigene Leben riskiert, um Leben zu retten“, sagt Danquart. Und was ist heute mit dem Antisemitismus? „Es gibt ihn, in Deutschland, in Polen, doch ich glaube, das das zusammenwachsende Europa einen positiven Blick zulässt“, sagt der Regisseur – „auch, was die Religionen betrifft, und das vor allem in der dritten Generation.“

Der Film ist ab 12 freigegeben und startet am Donnerstag im Stuttgarter Kino Delphi.

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