Kino in Gablenberg Herzogin Wera als Lichtspiel-Pionierin

Von Jürgen Brand 

Im Ostendkino an der Ostendstraße lief 1959 nach der Wiedereröffnung der Film „Das Mädchen vom Moorhof“. Foto: Steinert
Im Ostendkino an der Ostendstraße lief 1959 nach der Wiedereröffnung der Film „Das Mädchen vom Moorhof“. Foto: Steinert

Die Geschichte des Kinos in Stuttgart ist weitgehend unerforscht. Eine Ausstellung im Osten hilft weiter.

S-Ost - Kino ist für manchen älteren Stuttgarter mit Erinnerungen verknüpft: der erste Blick in die Welt durch die Wochenschau; das erste heimliche Rendezvous; vielleicht der erste Kuss. Andere verbinden damit eher atemberaubende Spannung bei Filmen wie „Der dritte Mann“ oder tränenreichen Herzschmerz bei „Vom Winde verweht“. Egal wie – unabänderlich ist, dass die große Zeit des Kinos vorbei ist. Das Fernsehen sorgte für das erste große Kinosterben, das Internet macht es der Branche auch nicht einfacher. Wie aber kam das Kino überhaupt nach Stuttgart?

Der Museumsverein Stuttgart-Ost hat sich in seiner neuen Ausstellung, die heute, Samstag, um 15 Uhr eröffnet wird, ganz diesem Thema gewidmet, konzentriert auf die einstige Kinowelt im Stadtbezirk Ost. Und tatsächlich wurde in Stuttgart der erste Kinofilm überhaupt vermutlich im Stuttgarter Osten gezeigt, genauer: in der Villa Berg. Herzogin Wera soll es gewesen sein, die sich dort einen Film über die Krönungsfeierlichkeiten ihres Verwandten, des Zars Nikolaus II. angeschaut hat. Der Überlieferung nach ließ sie sich den Film aus Moskau schicken, Ende 1894 müsste das gewesen sein. So lernte auch König Wilhelm II. das neue Medium kennen – und half bei der Verbreitung des Cinematographen mit.

Das erste Kino in Stuttgart wurde im Jahr 1907 eröffnet

Knapp zwei Jahre später, im Sommer 1896, folgte das nächste Kapitel der Stuttgarter Kino-Geschichte: Bei der „Ausstellung für Elektrotechnik und Kunstgewerbe“ wurde im Börsensaal der Gewerbehalle, dort steht heute die Universitätsbibliothek, „Lebende Photographie mit Lumières Cinematograph“ angeboten. Der Andrang zu dem 30-minütigen ruckeligen Filmvergnügen „unter dem Allerhöchsten Protektorate Sr. Majestät des Königs“ soll ziemlich groß gewesen sein. Gezeigt wurde unter anderem ein Film zu einem Thema, das Stuttgart seitdem immer wieder intensiv beschäftigt: die Ankunft eines Eisenbahnzuges im Hauptbahnhof.

Die weitere Erforschung der Kino-Geschichte in Stuttgart erwies sich für die Ausstellungsmacher als ausgesprochen schwierig. Die Quellenlage ist dürftig, die Zuverlässigkeit der Quellen fragwürdig. So viel scheint aber sicher zu sein: Das erste Kino in Stuttgart wurde im Jahr 1907 eröffnet. Im Jahr 1912 gab es schon eine ganze Reihe von Lichtspiel-Theatern vor allem in der Innenstadt, aber auch schon in den äußeren Stadtbezirken.

Ausstellung bringt Hauch der alten Kinoatmosphäre zurück

Die Kinosäle wurden damals oft in den Sälen von Gaststätten eingerichtet, so zum Beispiel auch das erste Kino im Osten, die „Ostend-Lichtspiele“ in der Raitelsbergstraße im August 1912. Ein anderes Beispiel dafür ist der Saal der prächtigen Schlachthof-Gaststätte, in dem eines der ersten Kinos nach dem Zweiten Weltkrieg eingerichtet wurde, die Schauburg. Der relativ kurzen Boom-Zeit nach dem Krieg folgte der ebenso rasche Niedergang. Das letzte Vorstadtkino in Stuttgart-Ost schloss am 27. Mai 1980, der letzte gezeigte Film dort war „Vom Winde verweht“.

Die Ausstellung in Gablenberg bringt einen Hauch der alten Kinoatmosphäre zurück: in einem Raum wurde ein Kleinstkino eingerichtet – mit Originallampen aus dem Ostendkino und alten Kinostühlen. Dort werden in den kommenden Wochen Filme wie „Der Golem“, „Nosferatu“, „Der blaue Engel“ oder „Der dritte Mann“ gezeigt.

Vorstadtkino. Die Lichtspielhäuser des Stuttgarter Ostens. In Zusammenarbeit mit dem Stadtmedienzentrum. Muse-O, Gablenberger Hauptstraße 130, Stuttgart. Geöffnet Sa und So 14 bis 18 Uhr. Weitere Informationen unter www.muse-o.de

Redaktion Stuttgart-Ost

Ansprechpartner
Jürgen Brand
s-ost@stz.zgs.de

Lesen Sie jetzt