Gefahrentransport: Das Kind fährt die Fernbedienung weg. Foto: Setzer

Der Kopf fährt Karussell und die Selbstoptimierung muss warten. Zwischen Reizüberflutung und Ablenkung lässt sich unser Kolumnist Michael Setzer von einem Einjährigen und einer deutschen Punkband beraten. Der wahre Expertenrat.

Stuttgart - Man sagt heute ja viel zu selten: „Ich weiß es doch auch nicht!“. Doch Eltern zu sein bedeutet eben auch, mal inne zu halten, durchzuatmen und sich zu fragen, weshalb die Waschmaschine gerade so laut klöttert – und wo eigentlich die Fernbedienung vom Fernseher ist. Solch ruhende Momente, vom Klöttern mal abgesehen, sind derzeit wichtig.

Von Entschleunigung oder Selbstoptimierung will ich gar nicht anfangen. Ich mag das nicht mehr hören. Ein Großteil von uns muss mehr Zeit als gewollt mit den eigenen Gedanken verbringen – und uns fällt wirklich nix Blöderes ein, als uns zuzurufen, wie wir unseren Swag auf- und die Langeweile abdrehen können?

Die Langeweile war schlagartig beendet, als wir damals mit einem Kind die Klinik verlassen haben. Die Selbstoptimierung wurde an diesem Tag ebenfalls neu ausgewürfelt: Optimiert ist, wenn das Kind – zwar unter Protest – aber glücklich ins Bett geht und mit einem Lächeln einschläft.

Optimiert euch doch selbst!

Und ausgerechnet jetzt sollen wir plötzlich Sprachkurse, Steuererklärung, Bärlauchpesto und Liegestütze machen, endlich Malen, Atomphysik oder Harfe spielen lernen – als wäre das hier eine Art Urlaub und Corona so ein Bildungs- und Selbstoptimierungsangebot.

Als ob’s nicht kräftezehrend genug wäre, das Beste zu hoffen und allen Mut zuzurufen, die kurz davor sind, aus Existenzangst oder Sorge den Verstand zu verlieren. Ich schaue in schöner Regelmäßigkeit zu Hause in die Runde und denke: „Schön, dass ausgerechnet wir hier beisammen sind!“, manchmal sage ich es auch. Ich vermisse die Leute, die leider gerade nicht hier sein können und ich sorge mich um die, denen es nicht halb so gut geht wie mir. Für Selbstoptimierung fehlt mir der Tacho.

Nein, danke, Heidi

Hab neulich gedacht, wie verrückt das wäre, müsste man mit Heidi Klum durch so eine Situation gehen. Also, es sei denn natürlich, man mag ihre, äh, Kunst, dann wäre das wahrscheinlich super, sich gemeinsam mit der zu isolieren. Ich möchte das aber nicht, ich schalte sogar weg, wenn ich die im Fernsehen sehe.

Diese Frau pflegt, für meinen Geschmack, einen Eskapismus, der nicht gesund sein kann. Ich bevorzuge zur Seelenabkühlung die Lieder von der deutschen Punkband Turbostaat, die tragen mehr zu meinem Wohlbefinden bei als alles von Heidi Klum. Lernen musste ich das nicht: ist eher ein Bauchgefühl. „Isso!“, wie wir Empiriker sagen.

Es sind die Kleinigkeiten

Dinge, die man Kindern zum Glück nicht erst beibringen muss:

– Wütend aufstampfen

– freundlicher Vandalismus

– wach bleiben

– früh aufstehen

Wenn’s gut läuft, kann ich mich den ganzen Tag von einem genervten Kleinkind anmotzen lassen. Er verliert manchmal die Geduld, weil ich begriffsstutzig bin und nicht kapiere, was er jetzt schon wieder für Pläne hat, und warum es keine Alternativen dazu gibt. So guckt er mich dann an: „Sag mal, wie oft muss ich dir das denn noch erklären?!“

Zusehen und lernen

Und dann gibt’s die Momente, in denen ich zuschauen kann, wie das Kind lernt: Auf dem Boden liegt eine Schupfnudel, vom Kind durch die Wohnung geworfen, vom Hund zermanscht – ich sage „Bäh“, hebe sie auf und bringe sie zum Mülleimer. Das Kind guckt zu und lernt. „Bäh“, sagt er und trägt die ebenfalls achtlos auf dem Boden liegen gelassene Fernbedienung in Richtung Mülleimer. „Nimm mein Handy mit“, will ich rufen.

Kein Fernseher mehr, kein Handy mehr, keine Heidi Klum, keine Freizeit-Virologen, die vorgestern noch Bundestrainer oder Migrationsexperten waren. Keine apokalyptischen Reiter, keine Talkshows, keine Selbstdarsteller mit Karriereplan, keine als intellektuell missverstandene Verwirrte, die „ICH STELLE NUR FRAGEN!!1!“ in die Welt grunzen, obwohl sie an Antworten nicht interessiert sind.

Alle weg. Nur noch wir hier. Wie toll das jetzt alles wäre, wenn noch all die anderen guten Leute hier sein könnten. Die Punker, die Romantiker, die wunderbar Bekloppten, die Freunde und die Kinderkumpels. Alle! Wir haben doch jetzt einen Sandkasten im Hinterhof! Und ich glaube, dem Kind fehlen die gleichaltrigen Kindsköpfe.

Lesen Sie mehr aus der „Kindskopf-Kolumne“

Michael Setzer ist vor über einem Jahr Vater geworden. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt. Er schreibt im wöchentlichen Wechsel mit seiner Kollegin Lisa Welzhofer, die sich in ihrer Kolumne „Mensch, Mutter“ regelmäßig Gedanken übers Elternsein, über Kinder, Kessel und mehr macht.

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