Plüschspielzeug. Völlig überflüssig, wenn das Kind bereits Physiker ist. Foto: Setzer

Wo Eltern sind, wird auch mit den Fähigkeiten der Kindern angegeben. Unser Kolumnist Michael Setzer gibt alles und macht einen auf richtig dicken Strampler.

Stuttgart - Zwei Kinder an der Supermarktkasse belauscht. Beide, wahrscheinlich um die acht Jahre alt, vielleicht auch älter oder sogar jünger – doch sie wirkten nahezu unmenschlich reflektiert und besonnen. „Nee, ich hab die Geldkarte und den PIN von meinem Vater bekommen“, sagte der eine. „Die darf ich nehmen, wenn ich was Sinnvolles kaufe. Für anderes Zeug nehme ich die natürlich nicht“ – auf dem Warenlaufband lagen Obst, Fruchtsaft und Kekse. Beide redeten so, wie Erwachsene nie im Leben Kinder oder Jugendliche imitieren würden. Keine Kraftwörter, kein „Huso“, kein „Alter“, kein „Dude“, der eine redete sogar mit Satzzeichen.

Was einem keiner über die fachgerechte Aufzucht der eigenen Kinder gesagt hat: Ungefähr drei Mal pro Woche denkt man „Okay, jetzt isser aber erwachsen!“. Wenn das Kind zum ersten Mal die Augen richtig öffnet: Zack. Erwachsen. Die restliche Nabelschnur fällt endlich ab: Zack. Erwachsen. Das Kind brabbelt und krabbelt: Zack. Erwachsen. So geht das die ganze Zeit. Andauernd.

Yieppie: Das erste Wort!

Neulich wurde bei uns schon diskutiert, ob der Kleine etwa gerade sein erstes richtiges Wort gesprochen hat. „Mama“, behauptete die Mutter. „Mawmamablpff“ sagte ich. Vielleicht reagierte ich etwas borniert, weil ich mir für seinen Start ins Diskussionszeitalter etwas mit größerer Tragweite erhofft hatte - „Papa ist ein super Typ!“, „Motörhead“ oder so etwas in der Art.

„Junge, halt dich ran!“, habe ich gesagt, „Wir brauchen Ergebnisse!“. Dann klatschte ich mit dem Handrücken auf die Innenseite meiner anderen Hand. So macht man das, wenn man Ergebnisse sehen will. Im Fernduell mit anderen Helikoptereltern ist es wichtig, ordentlich aufzutrumpfen. Denn unter Eltern ist immer ein bisschen Krieg, kalter Krieg. Man sieht keine Bomben, weiß aber, dass da irgendwo welche versteckt sind.

Als Gast in der Krabbelgruppe vor einiger Zeit sollten die Eltern den Namen des Kindes sagen und wie alt es ist. Dann wurden Fragen zur Fertigkeit des Kindes gestellt: Kann sich Johannes (*Name von der Redaktion geändert) schon selbstständig umdrehen? Kann Sophie (*ja, auch der Name ist geändert) bereits nach Gegenständen greifen? Und da geht eben die „Mein Haus, meine Frau, mein Auto, meine geile Yacht“-Nummer los.

Huch!

Eltern trumpfen naturgemäß bei jeder Gelegenheit mit den Fertigkeiten des Nachwuchses auf. Es wird bei solchen Gelegenheiten immer einen Julius (*natürlich geändert!) geben, der bereits im Alter von drei Monaten kurz davor steht, Bundesligaprofi oder Physiker zu werden.

Und es wird immer die Eltern geben, die dann „Huch!“ denken, weil sich das eigene Kind im gleichen Alter gerade noch ausgiebig mit der Tatsache beschäftigt, dass es überhaupt eigene Füße besitzt und dass Dinge auf den Boden fallen, wenn man sie fallen lässt.

Ehrensache

Zur Erfolgsoptimierung lese sich die Elternratgeber längst zeitversetzt. Wenn da steht, dass Kinder im Alter von einem Jahr diese und jene Fertigkeiten erlangen, achte ich penibel darauf, dass er das alles bereits mit sechs Monaten schon kann, längst gelangweilt davon ist und viel lieber Jazz von John Coltrane mag. Danach sage ich sofort allen Eltern der Welt Bescheid. Ehrensache. Also, meine Ehre. Da draußen ist schließlich Krieg.

Wenn ich irgendwo Eltern beim Smalltalk sehe, stelle ich mich ungefragt dazu und sage: „Nee, Steuererklärung macht bei uns der Kleine“ oder „Naja, der VfB hatte ja Interesse, aber der Kleine meinte nur: Haha – nicht so lange der Wolfgang Dietrich Präsident ist.“

Hach, sie werden so schnell erwachsen.

* Fun Fact: Witze über Kindernamen sind nicht witzig. Das Kind trägt ja meist keinerlei Eigenverantwortung für den Vornamen Siegmund (*auch geändert, natürlich). Es sei denn, dass Kind benimmt sich, wie man sich gemeinhin einen Siegmund vorstellen würde. Dann ist das wirklich sehr lustig.

Michael Setzer ist vor Kurzem Vater geworden. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt.

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