Hunde sind auch so eine Art Kind. Nur mit mehr Haaren und Lust am Mittagsschlaf. Foto: Setzer

Hunde sind eine gute Vorbereitung auf ein echtes Kind, meint unser Kolumnist. Wenn sie nur nicht so schnippisch wären.

Stuttgart - Manchmal rede ich mit dem Hund. „Hömma Hund!“, sag ich dann zum Beispiel. „Ich hab voll Bock ein bisschen um die Blöcke zu ziehen. Pipi, Kacka, rumbellen und so. Alleine macht das überhaupt keinen Fun. Kommste mit?“ Natürlich ist das bei minus 1 Grad oder um 8:23 Uhr glatt gelogen und ich habe in Wahrheit überhaupt keine Lust darauf. Ich bin mir sogar bewusst, dass der Hund trotz meiner sorgfältig ausbalancierten Ansprache allerhöchstens „Pipi“, „Kacka“ und „Fun“ verstanden hat. Hunde sind nämlich eventorientiert, die hören mit Vorliebe den Teil eines Gesprächs, der ihr Amüsement thematisiert.

Meine Hündin (5) ist zu allem Übel auch noch wahnsinnig schusselig. Ich kann sie unmöglich alleine rausschicken. Die würde draußen sofort den Hausschlüssel verlieren oder eine Schlägerei anfangen. Noch schlimmer: zu irgendeinem wildfremden Mann ins Auto steigen, der ihr Leckerli oder ein Käsebrot anbietet.

Ich sag, wie es ist: sie braucht meine Unterstützung. Und selbst an meinen schlechten Tagen ist ihr die gewiss. Wir sind schließlich ein Team, eine Gang, wir sind Freunde, wir sind Familie und wir unterstützen uns. Liebe kennt keine Bedingungen. Wenn doch, dann ist es keine Liebe. Und sie: „Ja, Mann. Lass raus gehen. Nicht, dass du wieder den Schlüssel verlierst.“

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Mein Hund kann Englisch

Hunde, so sagen Experten, wären von ihren geistigen Kapazitäten her, ungefähr auf dem Stand eines sehr, sehr dummen Kindes. Das halte ich für glatt gelogen. Denn erstens kenne ich keine dummen Kinder, höchstens doofe Eltern und zweitens: habe ich vergessen. Ah, drittens: Mein Hund kann sogar Englisch. Habe jüngst eine schicke Blechdose gekauft, auf der „Dog Food“ steht – und sie hat trotzdem sofort geblickt, dass da ihr Futter drin ist.

In den sorgloseren Momenten, bin ich tatsächlich davon überzeugt, dass Hunde eine gute Vorbereitung auf ein richtiges Kind sind. Verantwortung, Fürsorge, Aufmerksamkeit, Hilfe, Spaß – alles dabei. Und der Ton zwischen Hunde- und Kindereltern ist meist ähnlich überhitzt. Und um einen herum, weiß jeder alles besser. Wirklich jeder. Und wirklich alles.

Die Unterschiede belaufen sich da höchstens auf den Umstand, dass Hunde meistens lustigere Namen als Kinder haben. Niemand, der noch ganz bei Troste ist, würde sein Sprössling Luzifer, Haftbefehl oder Sir Winston Churchill nennen. Gleichermaßen heißen Hunde selten Ingo, Bernd oder Steffi. Tun sie’s doch, ist das ein bisschen witzig. Bei der Erziehung versteht allerdings kaum jemand Spaß.

Im Kindernet wird gepöbelt

Drei Klicks auf einem Elternratgeber-Portal der Wahl und man bekommt tatsächlich Verständnis dafür, weshalb China oder Erdogan gerne das Internet verbieten möchten. Völlig egal, welche Frage dort von Eltern gestellt wird: In der ersten Antwort erzählt immer jemand, dass es „bei unserer Anna-Lena anfangs ja auch ein riesen Problem gewesen wäre“.

Und ab der zweiten Antwort ist dann Krieg: Da unterstellen andere Nutzer, es grenze an ein Wunder, dass Anna-Lena und die anderen Kinder bei derart vernagelten Eltern noch nicht gestorben wären – und überhaupt: wie man eigentlich eine derart blöde Frage stellen kann.

Über Schnuller beispielsweise oder die Frage, ob es ratsam sei, dem Kind einen anzubieten. Kurz zusammengefasst: Ja, Nein, Jein. Düp dü dü düp dü. Und wer was anderes behauptet, wirft wahrscheinlich auch mit Backsteinen nach putzigen Welpen. Ein Kommentar war allerdings super: „Meiner Cousine wurde damals der Schnuller in Honig getunkt, damit sie ihn nimmt, was natürlich für ihre Figur den Grundstein gelegt hat.“

Im Zweifelsfall: Grundgesetz

Bei allzu großer Verwirrung im Dschungel der gebrüllten oder IN GROSSBUCHSTABEN GETIPPTEN Erziehungsratschläge, stütze ich mich gerne am Migrationshintergrund der Mutter ab: Ausländerin. Sie kommt aus Köln. In deren exotischer Kultur gibt’s sogar ein eigenes Grundgesetz: „Jede Jeck is anders“, steht da geschrieben. Das heißt so grob übersetzt: Jeder Doofie ist anders doof und man springt nicht einfach in den, äh, Neckar, weil das jemand anderes auch macht. Weil man in Köln ein bisschen weltoffen ist, gilt das nicht nur für den 1. FC Köln, sondern auch für Kinder, Eltern, Zugezogene, miese Stimmungsmusik und Hunde.

Seit das Baby im Haus ist, haben wir den Hund nun mit speziellen Aufgaben betraut, quasi befördert: Sie passt auf und arbeitet auf Vierleckerlifünzig-Basis als Chef vom Dienst im Frühwarnzentrum für Windeln. Und dann biegt plötzlich der Hund um die Ecke, schnüffelt an der Windel und sagt: „Hömma, es wäre kein Luxus, das Ding zu wechseln. Vertrau mir, bin vom Fach, ich kenne mich aus.“

Mit steigender Expertise und etwas mehr Verantwortung im Haushalt wurde der Hund in den vergangenen Wochen leider auch unangenehm schnippisch: „Und wenn wir gerade so gemütlich beieinander sitzen: Quatsch das Kind bitte nicht so doof voll, wie Du das bei mir machst.“

Michael Setzer ist vor Kurzem Vater geworden. Er interessiert sich sehr für höllisch laute Musik. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt.

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