Plattformen für Kinderpornografie verstecken sich vor allem im Darknet. Foto: dpa

Ermittler stellen fest, dass immer mehr Babys und Kleinkinder als Opfer sexualisierter Gewalt in Videos und Fotos auftauchen. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung fordert von der Politik ein härteres Durchgreifen.

Stuttgart - Eingeschränkt sind die Ermittler im Darknet, aber keinesfalls machtlos. Die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt am Main hat in der vergangenen Woche Anklage gegen vier mutmaß­liche Betreiber der Kinderpornoplattform mit dem zynischen Namen „Elysium“ erhoben. Die im Juni vergangenen Jahres von dem Bundeskriminalamt und der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft abgeschaltete Plattform verzeichnete nach Angaben der Ermittler innerhalb von etwa einem halben Jahr rund 111 000 registrierte Mitgliederkonten und diente dem Austausch von Fotos und Videos. Darauf seien Aufnahmen „schwersten sexuellen Missbrauchs“ auch von Kleinkindern.

Säuglinge und Kleinkinder werden nach Einschätzung des deutschen Bundeskriminalamts (BKA) zunehmend Opfer von Kinderpornografie. Der Anteil der in Videos oder auf Fotos missbrauchten Kinder unter sechs Jahren sei in den vergangenen Jahren gestiegen, heißt es von der Behörde. Hinweise gelangen vermehrt auch deshalb ans BKA, weil die Ermittler mit ausländischen Polizeibehörden und internationalen Kinderschutzorganisationen zusammenarbeiten.

Missbrauchsbeauftragter: Anstieg des Sadismus ist erschreckend

Die Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität (ZIT) in Gießen registriert nach Medienangaben mehr Fälle. Demnach lag im vergangenen Jahr die Zahl der Verfahren in diesem Deliktfeld bei 2551. 2016 hatten die Staatsanwälte der ZIT laut hessischem Justizministerium noch in 1504 Fällen ermittelt. „Wir sehen häufig Videos, in denen sexualisierte Gewalt ausgeübt wird“, sagte ZIT-Staatsanwältin Julia Bussweiler. Dazu gehörten etwa Filme, in denen Kinder geschlagen oder gefesselt werden.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, ist erschüttert über den Anstieg der Kinderpornografie. „Immer öfter werden Missbrauchs­taten gefilmt und im Darknet verbreitet und getauscht“, sagte Rörig anlässlich der Veröffentlichung der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik Anfang Mai: „Besonders erschreckend sind der Anstieg härtester, auch sadistischer Gewaltszenen, sowie die zunehmende Zahl von Missbrauchsabbildungen von Kleinkindern und Babys.“ Das Ausmaß sexueller ­Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sei enorm: „Die Zahlen bei Kindesmissbrauch sind seit Jahren unverändert hoch.“ Bei sexuellem Kindesmissbrauch sind die Fallzahlen mit 11 500 Straftaten für das Jahr 2017 im Vergleich zu den Vorjahren auf konstant hohem Niveau.

Vertreter von Betroffenen fordern mehr politischen Einsatz

Im Bereich des Besitzes und der Verbreitung von Kinder- und Jugendpornografie verzeichnet die Kriminalstatistik sogar eine erhebliche Steigerung. Im Vergleich zu 2016 ist der Straftatbestand des Besitzes und der Verbreitung von Kinderpornografie demnach um 14,5 Prozent auf mehr als 6500 Fälle gestiegen, im Bereich der Jugendpornografie um 24 Prozent auf rund 1300 Fälle. „Und das sind nur die angezeigten Fälle, das Dunkelfeld ist um ein Vielfaches größer“, betont Rörig: „Diese Zahlen können wir nicht länger hinnehmen. Die Politik muss endlich konsequent und systematisch in Prävention und Hilfen investieren und Ermittlungsbehörden personell und technisch umfassend ausstatten.“

Ingo Fock, Vorsitzender des Vereins „gegen-missbrauch“, fordert für die Betroffenen auch mehr Unterstützung von den Behörden. Notwendig sei eine Anlaufstelle beim BKA, an die sich Opfer wenden könnten, um zu erfahren, ob Bilder ihres Missbrauchs noch im Netz kursierten. „Das ist eine wichtige Information, um sich damit auseinandersetzen zu können“, sagt Fock. Bisher hätten die Betroffenen „keine Chance“ auf eine solche Auskunft.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: