Der Blechmann (Felix Mühlen) muss geölt werden von der Vogelscheuche (Sebastian Wendelin, li.) und von Dorothy (Nina Siewert, re.) in „Der Zauberer von Oz“ im Schauspielhaus Stuttgart Foto: Conny Mirbach

Keine Angst, die wollen nur spielen: Die Premiere „Der Zauberer von Oz“ am Sonntag im Schauspielhaus Stuttgart ging als als freundlich harmlose und musikalische Feier der Kraft der Gemeinschaft über die Bühne.

Stuttgart - Öhhh!“ Pause. Verdutztes Schweigen, Dorothy und Vogelscheuche schauen konsterniert aus Stroh und Pettycoatwäsche. „Öh!! Öhhhhhh!!!“, jammert der Mann im silbernen Anzug nochmal, jetzt schon etwas Ungeduld im Ton. „Ach! Der spricht öhisch“, sagt der Strohkerl und fragt: „Wös wöllst dö dönn?“ So lustig geht das noch eine Weile hin und her, bis die beiden endlich kapieren: mit Öh ist Öl gemeint. Vor lauter Regen und Tränen ist der silberne Blechmann eingerostet. Nach Pf-Pf-Gespritze aus dem Ölkännchen rührt der Blechmann sich wieder und plappert sentimental drauf los.

Dorothy muss sich in diesem Lande Oz nicht fürchten

Dies ist eine der besonders charmanten Szenen der Theaterfassung von L. Frank Baums Roman „Der Zauberer von Oz“, die am Sonntag Premiere im Schauspielhaus Stuttgart gefeiert hat. Sie zeigt die Stärken und Schwächen der Inszenierung von Wolfgang Michalek. Felix Mühlens Blechmann ist ein sympathisch gefühlvoller Kerl und – anders als in der berühmten Filmfassung mit Judy Garland als Dorothy – kein bisschen fremdartig oder furchteinflößend. So hat Dorothy (Nina Siewert) auch keinerlei Veranlassung, sich zu ängstigen oder über die Maßen zu wundern, zum ersten Mal in ihrem Leben sprechenden Strohhaufen und Blechbüchsen sowie einem feigen, doch schwatzhaften Löwen zu begegnen, seit sie mit ihrem Häuschen von einem Sturm aus Kansas ins ferne Land Oz gewirbelt worden ist.

Dass hier ein Mädchen zum ersten Mal im Leben absolut auf sich gestellt ist und eine Art transzendentale Obdachlosigkeit zu spüren bekommt, lässt die Inszenierung nicht ahnen. Michalek will die Zuschauer ab sechs Jahren und ihre Eltern keinesfalls ängstigen. Ruckzuck gibt die gute, resolute, bunte und wimpernklimpernde Hexe des Nordens (Lucie Emons) einen schützenden Kuss auf den Weg mit, alle sind beste Freunde und Gruppenumarmungen keineswegs knapp. Sie tapern auf dem gelben Pfad über Stock und Stein, durch Wald und Gebirg auf dem Weg zum Zauberer Oz.

Schauspielerisch feine Momente

Dorothy will dort den Weg heim nach Kansas zu Onkel, Tante und Hund Toto, einem veritablem Dackel, gewiesen bekommen, der Löwe verlangt nach Mut, der Blechmann ein Herz – und die Vogelscheuche möchte Verstand, da sie glaubt, „nicht einmal so dumm wie Brot“ zu sein. Selbst die böse Hexe des Westens (Viktoria Miknevich), die mit grünbestrumpften Beinen durch die Luft fliegt, kapituliert. Und auch der Zauberer entpuppt sich nicht als bizarres Wesen, sondern in Gestalt von Boris Burgstaller als netter Opi-Typ. Er verabreicht den Figuren, die weder herz- noch hirn- noch mutlos sind, als Placebos Herzwecker, Glühbirnen und Mutwasser. So wirken dann auch die Abenteuer, die Dorothy und ihre zwei Freunde zu bestehen haben, eher harmlos. Was wiederum die Aussage relativier: Schau, was du erreichen kannst, wenn du mit anderen zusammen allen Mut zusammennimmst.

Dennoch gewinnt der Abend an Format, weil der Regisseur Wolfgang Michalek im Zweitberuf ein guter Schauspieler ist und sich wohl deshalb auf liebevolle Figurenzeichnungen konzentriert. Die geraten mitunter etwas ausführlich, weshalb „Der Zauberer von Oz“ mit zweieinhalb Stunden (inklusive Pause) ein langer Spätnachmittag wird. Doch dafür erlebt man schauspielerisch feine Momente. Etwa, wenn Sebastian Röhrle seinen mutlosen Löwen wie eine ewig beleidigte Diva interpretiert oder wenn sich Sebastian Wendelins Vogelscheuche mit Felix Mühlens Blechmann zickig streitet, was wohl wichtiger im Leben ist, ein Herz zu haben oder ein Hirn.

Das Publikum hilft beim Hexen

Wolfgang Michalek und seine Schauspielkollegin Lea Ruckpaul haben eine Bühnenfassung erarbeitet, die sich an die Romanvorlage hält. Sie lassen allenfalls ein bisschen schwäbeln, heutig daherschwadronieren und kalauern („ich fühl’ mich wie heugeboren“, sagt die Strohpuppe). Die Bühnenbildnerin Natascha von Steiger lässt in einem ersten Bild zwar die interessant behüteten Musiker (Kostüme: Sara Kittelmann) wie Scherenschnittfiguren vor einem leuchtenden Vorhang auftauchen und die Landschaft von Dorothys Heimat auf Leinwand pinseln, doch damit ist’s genug der Technik – und das Bühnenpersonal schält sich aus einer hundehauskleinen Hütte.

Auf Theaterzauber setzt der Regisseur nur vorsichtig nach der Pause, da wabert ein bisschen Nebel über die Bühne, da dürfen Kinder aus dem Publikum der guten Hexe beim Lesen aus dem Zauberbuch assistieren, da gibt’s Blicke hinter die Kulissen, wenn Dorothy und ihre Gefährten erkennen, dass der große Zauberer nur ein Trickser ist und Glitter nicht magisch vom Bühnenhimmel fällt, sondern da oben ein Techniker sitzt, der das übernimmt. Michalek setzt auf die Kraft des Spiels – und der Musik. Max Braun, der schon viele Schauspielhaus-Produktionen musikalisch begleitet hat, steht mit hippiesk kostümierten Kollegen am Bühnenrand und sorgt lakonisch freundlich für den guten Ton des Abends, auch für amüsante Schlaflieder zum Mitschunkeln. Der „Schlafen, pofen, pennen“-Singsang lässt sogar die Sänger, Blechmann und Vogelscheuche, in selig-unseligen Schlaf fallen, da aus dem Off die böse Hexe ihr eigenes Liedchen trällert. Und das erzählt von Eiseskälte, die Dorothy und ihre Truppe in ewigen Schlaf singen soll.

Doch mit vereinten Kräften schaffen sie es zu überleben. Kurz den Schnee von Schultern und Mähne geschüttelt – und weiter geht’s. Auch wenn die Gefahren für Nina Siewerts schon mal wütend stampfende und schreiende, doch meist gut gelaunte Dorothy vergleichsweise leicht zu überwinden sind – die moralische Botschaft des Werks, sich selbst zu vertrauen und zusammen voller Mut das Böse zu besiegen, ist beim ausgiebig applaudierenden Publikum des Schauspielhauses gut angekommen.

Die nächsten Vorstellungen: 28., 30. November, 4., 6.,8.,11.-14. , 19., 21., 25 Dezember. Kartentelefon: 07 11 / 20 20 90.
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