Philip Spreen als Mucks und Michaela Henze als Zonja mit Wassergeistern. Foto: Björn Klein

Häusliche Gewalt behandelt „Mein Sommer mit Mucks“, die neue Kinderproduktion der Jungen WLB Esslingen. Tobias Rott hat Stefanie Höflers Roman auf die Bühne gebracht.

Die Angst vor den Schlägen des Vaters überwindet der 13-jährige Fabian, genannt Mucks, im Freibad. Doch die blauen Wassergeister mit ihren wilden Mähnen aus Papier machen es dem Jungen schwer, schwimmen zu lernen. Mit starken Bildern hat der Regisseur Tobias Rott an der Jungen WLB im Esslinger Theater den Roman „Mein Sommer mit Mucks“ in Szene gesetzt. Stefanie Höfler hat den Roman, der für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, 2015 geschrieben.

Kindgerecht greift Rott mit seinem Team das brisante Thema häusliche Gewalt auf. Gerade in der Corona-Zeit häufen sich Schlagzeilen von Kindesmisshandlung und Gewalttaten in der Familie. Sensibel vermittelt das Ensemble der Jungen WLB im Podium 2 des Esslinger Schauspielhauses Kindern ab zehn Jahren den schwierigen Stoff. In diesem Sinn folgt Rott in seiner Regiearbeit dem Gedanken der Prävention. Wenn Zonja, die das neue Ensemblemitglied Michaela Henze mit frecher Klappe und viel Herz ausstattet, Blutergüsse und blaue Flecken auf Mucks’ Körper entdeckt, sind das natürlich traurige Momente. Doch regt die Schauspielerin mit ihrer Empathie das junge Publikum ganz ohne Druck dazu an, auch im eigenen Alltag genauer hinzusehen, wenn Freunde Probleme haben.

Einfühlsames Erzähltheater

Dabei ist die packende Regie, die turbulente Komik mit einfühlsamem Erzähltheater vereint, so viel mehr als ein Präventionsstück. Dass sich Inszenierung und Schauspieler so gut in die wilde Gedankenwelt und die Psyche der beiden Jugendlichen einpassen, liegt nicht zuletzt an der Ausstattung. Bühnen- und Kostümbildnerin Cornelia Brey hat einen Raum geschaffen, der die Handlung sachte auf eine Fantasieebene hebt. Mit wasserblauen Sitzwürfeln schafft es Brey, die schnellen Szenenwechsel überzeugend zu zeigen. Sprechende Socken, funkelnder Sternenhimmel und gezielt überzeichnete Kostüme machen es Kindern und Erwachsenen leicht, Mucks und Zonja auf ihrer Reise in die eigene Traumwelt zu folgen.

Doch die traurige Wirklichkeit verwischt Regisseur Rott keinesfalls. Die zwölfjährige Zonja wächst im behüteten Elternhaus auf, bleibt aber eine Außenseiterin. Das altkluge Mädchen findet kaum Freunde, weil sie alle mit ihren Fragen überfordert. Bis eines Tages Fabian alias Mucks in ihr Leben tritt. Da er nicht schwimmen kann, rettet ihn Zonja vor dem Ertrinken. Damit beginnt eine Freundschaft, die beide Schauspieler virtuos mit Leben füllen. Stark meistert Philip Spreen als Fabian den Spagat zwischen Verzweiflung und Neugier.

Romanfiguren mit unterschiedlich starken Profilen

Stark zeichnet Rott auch Zonjas Eltern. Alessandra Bosch als Mutter und Timo Beyerling in der Rolle des Vaters verkörpern ein intellektuelles und zugleich liebevolles Elternpaar, das Zonja mit ihren Sorgen nicht alleine lässt. Klug entwickeln die Schauspieler Figuren, deren Stärke die Kommunikation ist. Damit nutzt Rott die Chance, den komplexen Romanfiguren in seiner Bühnenfassung ein ebenso starkes Profil zu verleihen. Bei Fabians Mutter und der Großmutter gelingt das dem Regisseur nur bedingt. Die beiden Frauen, die sich nicht gegen den prügelnden Vater wehren können, spielt Julian Häuser. Obwohl es dem jungen Schauspieler virtuos gelingt, selbst ohne Worte ihre entsetzliche Hilflosigkeit und ihren Schmerz zu zeigen, hätte mehr Substanz gut getan. Die Botschaft von „Mein Sommer mit Mucks“ ist in der insgesamt überzeugenden Produktion dennoch klar: Hinsehen rettet Menschen.

Die nächsten Termine im Podium 2 des Esslinger Schauspielhauses: 3. und 30. Oktober sowie 26. November.