Konstanze Kappenstein inszeniert an der Esslinger Landesbühne Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ für das Publikum ab sechs Jahren. Und wie ist das?
Ein Stapel Kisten? Quatsch! Ein Haus. Eine Räuberhöhle. Eine Zauberküche. Ein Strick? Klar. Damit kann man jemanden fesseln. Oder Seilhüpfen spielen. Alles kann immer auch anders und sogar besser sein. Selbst ein Räuber.
Eine der schönsten Szenen von Konstanze Kappensteins Inszenierung des Otfried-Preußler-Klassikers im Esslinger Schauspielhaus geht so: Da hat doch der Räuber Hotzenplotz den schlauen Kasperl und seinen Freund Seppel, die ihm auf die Schliche gekommen sind, selbst in eine Falle gelockt. Versteht sich, dass er seine erbeuteten Feinde nicht einfach so wieder laufen lässt. Der Strick muss her, aber die beiden schwingen ihn erst einmal. Und schon federt Hotzenplotz trotz der dicken Wampe, die sich Darsteller Felix Caspar Krause unters Räuberhemd gestopft hat, wie ein Gummiball übers Seil. Der schreckliche Räuber: ein großes Kind. Den kleinen Kindern im Publikum gefällt’s. Schlagartig ist klar, was das heißt: jenseits von Gut und Böse.
Mal greinend, mal grinsend im Esslinger Schauspielhaus
Aber die Story geht ihren Gang. Hotzenplotz, mal greinend, mal grinsend, nimmt sich, was er sonst nicht kriegt. Denn sonst kriegt er nur Hiebe, von der Großmutter zum Beispiel als Kaffeemühlendieb einen nach dem anderen. Nur Opfer ist er freilich nicht, sondern ganz schön fies, wenn er Seppel für sich schuften lässt und Kasperl an den Zauberer Petrosilius Zwackelmann vertickt. Aber Hotzenplotz ist halt auch ein Zu-kurz-Gekommener, dem sogar seine Gefangenen großmütig ein paar Streicheleinheiten spendieren. Ein Jammerlappen? Bewahre! Der komödiantische Felix Caspar Krause spielt ihn als Strolch, der trotz allem eine ordentliche Portion gute Laune mitbekommen hat ins gesetzlos harte Leben.
Doppelbödig sind in Kappensteins Regie alle Figuren. Michaela Henzes durchtriebene Großmutter tüttelt und tattert zwar wie in einer Grufti-Show, aber dann lupft sie sich locker auf den Hocker, als käme sie gerade vom Full Body Workout. Dass Henze später als Fee Amaryllis auf Inlinern elegante Umlaufbahnen dreht, mag ein Regie-Fingerzeig sein: Die Alte ist die Junge und umgekehrt. Die Doppelrolle als doppelte Rollendistanz: Es geht immer auch anders als vorgegeben und verordnet.
Zum Beispiel wenn Oma die Liebhaberin macht und dem Wachtmeister Dimpfelmoser wunderschöne Augen (Paula Dehner als strammer Zinnsoldat). Oder wenn Kasperl bei Schauspielerin Nicky Taran ein Mädchen ist, das ein Junge ist oder umgekehrt oder weder noch. Kommt übrigens ganz unaufdringlich ohne Gender-Zeigefinger rüber. Einfach nur aufgeweckt und clever. Seppel (Felix Albers), den Bühnen- und Kostümbildnerin Carla Friedrich in diverse Hosenbeine steckt – Nadelstreifen hier, Jeans da –, ist nicht der übliche Dummkopf, sondern schlicht ein guter Kumpel.
Großartig großkotzig: Petrosilius Zwackelmann
Selbst der große und böse Zauberer Petrosilius Zwackelmann tarnt großsprecherisch, was er in Wahrheit ist: ein Angeber, der nicht mal die Schalen von den Kartoffeln zaubern kann und selbst vom Blitz getroffen wird, den er fahrlässig herbeihext. In weißem Wallebart macht Julian Häuser großartig großkotzige Gottvatermiene zum lächerlichen Spiel des kindlichen Größenwahns beim alten Manne. Und ein bisschen bedauert man dann auch den armen Petrosilius mit seinem Kuscheltier, der Spinne Cordula.
Kappensteins Inszenierung bringt das Kunststück fertig, Handlung und Figuren völlig intakt zu lassen und doch von den Kasperletheater-Schablonen zu lösen: nicht mit dem Holzhammer, sondern mit Witz und Poesie. Gleich am Anfang wird das mit einem Regiegag signalisiert. Da staksen Kasperl und Seppel wie Marionetten vor den Vorhang, wo ein Bilderrahmen eine Puppenbühne vorstellt. Die prompt von Hotzenplotz geklaut wird. Ist die kleine Kasperlebühne erst einmal weg, befreien sich auf der großen die Figuren von Gliederschlenkern und Menschenpuppengestelztheit zur Menschlichkeit.
Vorstellungen für „Räuber Hotzenplotz“
Und was macht Menschlichkeit aus? Wir haben uns alle lieb! Ihre frohe Botschaft verkündet die Inszenierung auf die unironischste und unkitschigste Weise, wenn Kasperl und Seppel Küsschen tauschen, die Fee ein bisschen eifersüchtig wird, Zwackelmann den Hotzenplotz am Bart krault und die Großmutter mit dem Wachtmeister schäkert. Am Ende sind alle, sogar der vor Zorn geplatzte Zwackelzauberer, fröhlich vereint vor dem Kistenstapelkarussell auf Carla Friedrichs Bühnen-Abenteuerspielplatz.
Heißt: Die wollen nur spielen. Denn der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Hat der Schiller gesagt. Das Publikum sieht’s, dem Lachen, Kichern, Oooh! und Aaaah! nach zu schließen, genauso. Die nächsten Vorstellungen sind am 6., 14., 21. und 26. Dezember sowie 10. Januar.