Vor allem Mädchen und Jungen aus Familien mit kleinem Einkommen sind dankbar für die Unterstützung. Ein Beispiel aus Birkach.
Die drei Jungs begrüßen mit ausgestreckter Faust die beiden Streetworker. „Alles klar bei euch“, will Niko Kugler wissen und streckt die Faust seinerseits den Kindern entgegen. Statt eine Antwort zu geben, schnappt sich einer der Fünftklässler den Basketball und setzt zum ersten Wurf an: „Was spielen wir?“, will der Elfjährige wissen. Schnell sind zwei Mannschaften auf dem Birkacher Bolzplatz gebildet – und schon kann es losgehen mit dem Spiel auf den Korb.
Eine Hemmschwelle gibt es nicht, wenn die beiden Streetworker der mobilen Kindersozialarbeit jeden Dienstag gegen 17 Uhr mit ihrer blauen Box auf dem Spielplatz direkt neben den Fürsorgeunterkünften an der Erisdorfer Straße auftauchen. Bälle, kleine Kartenspiele oder Frisbees haben die beiden immer im Gepäck. Niko Kugler und Laura Weinig sind nicht nur bei den Kindern im Quartier bekannt, sondern auch bei den Erwachsenen. „Wenn wir jemanden noch nicht kennen, stellen wir uns erst einmal vor“, sagt Kugler. Dann taut das Eis schnell auf.
Ein dauerhafter Bedarf zeichnet sich ab
Seit April 2020 ist die Mobile Kindersozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft (Eva) in Birkach im Einsatz. In den ersten zwei Jahren war das Angebot noch als Projekt finanziert, seit diesem Jahr hat die Stadt die Regelfinanzierung übernommen, weil sich abzeichnete, dass ein dauerhafter Bedarf besteht. Zu den Gründen, warum zusätzlich zur Mobilen Jugendarbeit in den vergangenen Jahren immer häufiger auch Streetworker unterwegs sind, die speziell Kinder zwischen acht und 13 Jahren im Auge haben, heißt es bei der der Eva: Weil es zunehmend Jungen und Mädchen in diesem Altersabschnitt gibt, „die im öffentlichen Raum durch Verhaltensweisen auffallen, die bisher eher für die Jugendphase typisch waren“. Soll heißen: Kinder, die sich nicht nur in ihrer Ausdrucksweise älter geben als sie sind, sondern sich auch abends an öffentliche Plätzen treffen, sich als Clique inszenieren oder durch einen „riskanten Umgang mit Alkohol und Tabak auffallen“. Zudem stammen sie fast immer aus Familien mit geringen finanziellen Möglichkeiten.
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„Oft fehlen den Kids einfach die Ressourcen, die andere in ihrem Alter haben“, bestätigt Kugler. „Sie haben Bedürfnisse, die zuhause nicht erfüllt werden.“ Das könne von kleinen Ausflügen bis zur Nachhilfe bei Schulschwierigkeiten reichen. Vor allem während der Pandemie hätten sich die schulischen Probleme bei den Kindern massiv verschärft. So mussten die Sozialarbeiter während der Lockdown-Phasen, erzählt Laura Weinig, immer wieder auch als Nachhilfelehrer einspringen.
Meistens beginnt es mit Pausen-Streetwork
Den ersten Kontakt knüpft Kugler oft auf dem Schulhof der Birkacher Grundschule. „Pausenhof-Streetwork“, nennt das der 42-Jährige. Da gehe es dann vor allem darum, erst einmal ins Gespräch zu kommen, zu hören, welche Wünsche und Bedürfnisse es gibt. „Die Kinder haben häufig großen Bedarf sich mitzuteilen“, sagt Kugler. Ist dann ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, öffneten sich die Jungs und Mädchen irgendwann weiter. Und dann könne es eben auch vorkommen, dass Kinder von Gewalt erzählen, die sie zuhause erlebten.
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Dass der Bedarf an Mobiler Kinder- und Jugendarbeit in den vergangenen Jahren tatsächlich erheblich gewachsen sei, wollen Niko Kugler und Laura Weinig indes nicht unterschreiben. „Den Bedarf“, sagt die 28-jährige Weinig, „gibt es schon jahrelang.“ Doch erst Ereignisse wie die Stuttgarter Krawallnacht 2021 hätten die soziale Jugendarbeit insgesamt wieder stärker in den Fokus gerückt. Mit der Folge, dass nun auch plötzlich Finanzierungsmittel zur Verfügung stehen, die es zuvor nicht gab. „Aufmerksamkeit entsteht erst, wenn etwas passiert oder eskaliert“, sagt Kugler.
Welchen Bedarf die Kinder auf dem Bolzplatz haben, ist indes völlig klar: Die drei Fünftklässler wollen einfach ein paar Stunden spielen, vielleicht die Schule vergessen oder der Enge in ihren Wohnungen entfliehen. Wenn man den Sozialarbeitern Niko Kugler und Laura Weinig zuhört, wird deutlich, dass es oft diese kleinen Hilfen sind, auf die es bei den Kindern ankommt.