Tagesmütter dürfen bis zu fünf Kinder betreuen. Foto: dapd

Pro Jahr werden im Südwesten 1000 Tageseltern ausgebildet – Viele springen schnell wieder ab.

Reutlingen/Stuttgart - Vor Klaudia Niepenberg sitzen zehn Frauen zwischen Anfang 30 und Mitte 40. Eine von ihnen trägt ein Kopftuch, eine andere hat ein kleines Kind auf dem Schoß. Die meisten haben vor sich einen Notizblock aufgeschlagen und schreiben mit. „Wen rufen Sie zuerst zur Ordnung, einen Jungen oder ein Mädchen?“, fragt Niepenberg die Reutlingerinnen. „Machen Sie Unterschiede zwischen den Geschlechtern?“ Die Frauen, die an diesem Kurs teilnehmen, sind Tagesmütter. Zum Teil befinden sie sich noch in der Ausbildung.

„Wir machen keine Unterschiede zwischen Buben und Mädels“, sind sich alle einig. Doch Klaudia Niepenberg hakt nach und lässt die Frauen dann ein paar Sekunden nachdenken. „Da fällt mir ein, neulich habe ich zu einem Kind gesagt: Du als Mädchen solltest ordentlicher sein“, gibt eine der Frauen kleinlaut zu, „wahrscheinlich macht man unterbewusst doch Unterschiede.“

Bis zu fünf Kinder betreuen

Die Fragen, mit denen sich Tageseltern täglich auseinandersetzen, sind anspruchsvoll. Welche pädagogischen Konzepte sind sinnvoll? Wie schaffe ich es, dass sich die Kinder ausreichend bewegen und gesund essen? Wie gehe ich mit den Eltern um? Wie löse ich Konflikte zwischen den Kindern?

Tagesmütter betreuen bis zu fünf Kinder, meist in den eigenen vier Wänden. Ab August 2013 haben alle Ein- bis Sechsjährigen ­gesetzlich den Anspruch auf einen Betreuungsplatz. „Wahrscheinlich werden über die Hälfte aller Eltern den Anspruch auch wahrnehmen“, sagt Heide Pusch, Geschäftsführerin des Landesverbands der Tagesmütter: „Die Tagespflege soll davon etwa 20 Prozent stemmen.“

Problem: Schlechte Bezahlung

Momentan gibt es im Südwesten 7012 ­Tageseltern – die Mehrheit davon Frauen. „Das sind nur zwei mehr als im Jahr davor“, sagt Pusch, „dabei haben wir 1000 Tageseltern ausgebildet.“ Das Problem ist nach Meinung der ­Geschäftsführerin die schlechte Bezahlung. „Eine Tagesmutter kann kaum mehr als 1000 Euro im Monat verdienen“, sagt sie. Um das zu schaffen, müssen die Frauen über 40 Stunden pro ­Woche arbeiten.

Der Bedarf an Tageseltern ist enorm. „Um dem Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz gerecht zu werden, brauchen wir noch 4000 zusätzliche Tagesmütter“, sagt Heide Pusch. Gerade für ­Eltern, die arbeiten, wenn Kindertagesstätten geschlossen haben, ist eine Tagesmutter oft die letzte Möglichkeit.“

Die Reutlinger Damen haben sich mittlerweile zu dritt oder zu viert zusammengesetzt. Sie diskutieren darüber, wie sich ihre Kindheit von der ihrer Tageskinder unterscheidet. „Früher waren wir mehr draußen und sind nicht vor dem PC gesessen“ , sagt eine. „Bei mir ­meckern aber die Eltern immer, wenn sich die Kinder dreckig machen“, wirft eine andere ein. „Suchen Sie in einem solchen Fall das ­Gespräch“, rät Klaudia Niepenberg, „überzeugen Sie die Eltern, dass Bewegung in der Natur eine wichtige Erfahrung ist.“

Ausbildung dauert ein Jahr

Ausbildung dauert ein Jahr

Zur Qualifizierung der Tagesmütter ­gehören 160 Unterrichtseinheiten zu je 45 Minuten. Dreimal in der Woche treffen sich die Frauen. Die Ausbildung dauert etwa ein Jahr. Dazu kommen Kurse wie etwa Erste Hilfe bei ­Kindern.

Zusätzlich müssen die angehenden Tagesmütter ein erweitertes polizeiliches ­Führungszeugnis vorweisen. Darin werden auch kleinere Vergehen aufgeführt. Dieses Zeugnis müssen außerdem alle volljährigen Personen im Haushalt der Tagesmutter vorlegen. Damit soll sichergestellt werden, dass die Frauen und ihre Familien für die ­Kinderbetreuung geeignet sind.

Begeisterung währt kurz

„Trotz all dieser Vorgaben mangelt es nicht an geeigneten Bewerberinnen“, sagt Anne Mack. Sie ist Geschäftsführerin des Reutlinger Tagesmütter Vereins. „Viele Frauen, die selbst gerade Mutter geworden sind oder ­ehemalige Erzieherinnen haben großes ­Interesse an unserer Ausbildung.“ Doch die Begeisterung währt meist nur kurz. Auch Anne Mach hat die Erfahrung gemacht, dass viele Tageseltern nach kurzer Zeit wieder ­abspringen. „Vielen wird nach etwas mehr als einem Jahr erst klar, wie wenig unterm Strich bei ihnen hängen bleibt.“

Die Kursteilnehmerinnen diskutieren ­inzwischen über aktuelle pädagogische Konzepte. In ihrem Alltag bleibt allerdings nur wenig Zeit, sich über theoretische Erziehungsansätze Gedanken zu ­machen. In den meisten Regionen Baden-Württembergs erhalten Tagesmütter 3,90 Euro pro Kind und Stunde. Ihre Kosten für ein Mittagessen oder Getränke sind ­darin bereits enthalten. Das bedeutet, je mehr Kinder eine Tagesmutter betreut, umso mehr Geld bekommt sie – der Stress steigt­ ­allerdings ebenfalls.

Mögliche Erhöhung der Stundensätze

Die Reutlinger Tagesmütter sind sich jedenfalls einig. „Allein von unserer Arbeit kann man nicht leben“, sagen sie. Heide Pusch vom Tagesmütterverband fordert ­daher 5,50 Euro pro Kind und Stunde ­anstelle der aktuellen 3,90 Euro. Wenn die Kindertagespflege nicht finanziell attraktiver wird, fürchtet sie, dass sich auch künftig nur wenig Frauen dauerhaft dafür ­entscheiden werden.

Saskia Möding vom Städtetag Baden-Württemberg glaubt an eine mögliche Erhöhung der Stundensätze. Allerdings denkt sie dabei an eine Teilung. „Ich könnte mir vorstellen, dass man sich bald auf die geforderten 5,50 Euro einigen wird“, sagt Möding, „allerdings denke ich dabei nur an den Bereich der unter Dreijährigen.“ Nur hier ­stünden zusätzliche Mittel zur Verfügung.

Ob das den Frauen in Reutlingen weiterhilft, ist fraglich. Denn Tagesmütter betreuen Kinder zwischen null und 14 Jahren. „Mit diesem Vorschlag wird das Problem nicht gelöst“, ist sich auch Heide Pusch sicher. „Werden die Stundensätze nicht insgesamt erhöht, gehen uns auch in Zukunft viel zu viele Tagesmütter verloren.“

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